Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 13 (1907)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1907)
- Article
- Der Nationalstaat und die Minoritäten
- Date
- 1907-12-01
- Page
- 677 (sequence 13)
- Language
- German
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Der Nationalstaat und die Minoritäten. land zu beseitigen, des unvergeßlichen Gabriel Rießer. Der besten Deutschen einer war er, der gewaltige Redner der Paulskirche, der kernige Prosaist, dessen Stil mich stets an die besten Taciteischen Perioden erinnert, sein Herzblut hätte er sür die Einigung der deutschen Stämme hingegeben, wenn er sie damit hätte erkaufen können. Tie Minorität, die ihn allezeit zu ihren größten Söhnen rechnen wird, hat sein Andenken fast allein gefeiert, in der Majorität ist seiner nur in verschwindender Weise gedacht worden. Rießers Leben und Wirken soll uns ein Vorbild dafür sein, daß in dem Kampfe um die Gleichberechtigung die Minorität niemals das an sich berechtigte Gefühl der Verbitterung über sich Herr werden lassen darf. Wenn Rießer sagte, daß er sich gegen den gleich einem Mörder wenden müsse, der ihm seine Zugehörigkeit zu dem deutschen Volke bestreite, so gilt dies auch heute noch sür die Minorität, welcher verblendeter Rassenfanatismus die Zugehörigkeit zu der deutschen Nation abspricht. Im Geiste. Rießers des besten Patrioten im besten Sinne, soll die jüdische Minorität den ihr aufgezwungenen Kampf bis zu Ende führen, sie soll sich ebensowenig wie Rießer durch die Zurücksetzung verbittern und die Freude am Vaterlande verkümmern lassen, sie soll sich an echter vaterländischer Gesinnung, welche natürlich nichts mit dem Pseudopatriotismus der Rassenfanatikec gemein hat, von keiner anderen Gruppe übertreffen lassen: dann darf sie getrost dem Urteil entgegensetzen, das Klio, die Unbestechliche, über sie und ihr Verhalten fällen wird, sie wird mit Ehren vor ihrem Richterstuhl bestehen. Die Bewegung der sittlichen Gedanken gleicht nicht der Bewegung der Weltkörper im Raume; denn nicht unangefochten gleich den Gestirnen gehen sie einher, sondern sie stoßen bei jedem Schritt auf Widerstände, die menschlicher Eigensinn, menschlicher Unverstand und alle sonstigen bösen Gewalten des Herzens ihnen entgegensetzen. Sie bewegen sich aber trotzdem weiter und erreichen ihr Ziel, und so wird es sich auch mit einem so eminent sittlichen Gedanken verhalten, mit der uneingeschränkten politischen, rechtliche» und gesellschaftlichen Gleichberechtigung der Minoritäten im Nationalstaat.