Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 13 (1907)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1907)
- Article
- Der Nationalstaat und die Minoritäten
- Date
- 1907-12-01
- Page
- 674 (sequence 10)
- Language
- German
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674 Im deutschen Reich. tensität Verschiedenheiten zwischen den einzelnen Ländern vorhanden sind. Auf welchen Ursachen beruht nun dieses günstigere Ergebnis der Minoritäten in moralstatistischer Hinsicht? Die materialistische Auffassung ist geneigt, dasselbe auf bessere Bermögensverhältnisse zurückzuführen; für sie ist ja insbesondere jede strafbare Betätigung lediglich ein Produkt der Not oder doch zum mindesten das Kind unbefriedigender, ökonomischer Verhältnisse. Daher kann sie beispielsweise auch die günstigen Ergebnisse der Kriminalitätsstatistik inbezug auf die Juden nicht anders erklären als durch die Geltendmachung des angeblich größeren Wohlstandes der jüdischen Bevölkerung, der bekanntlich auch unter die Klaffe der kablss convenues gehört. Bor der kritischen Prüfung der Wissenschaft hält diese Annahme nicht stand. Der Grund ist nicht sowohl auf materiellem als vielmehr auf immateriellem Gebiete zu suchen, er liegt auf dem ethischen, genauer gesagt, dem sozialethischen Gebiet und wird gebildet durch die Selbstzucht und Selbstkontrolle. Die Minorität — und es gilt dies wiederum speziell von der jüdischen Minorität in allen Ländern — weiß sehr wohl, daß die Augen der Majorität fortwährend auf sie gerichtet sind, daß sie mit der Betätigung jedes einzelnen, wenn dieselbe eine unsittliche oder verbrecherische ist, identifiziert wird und man ihr gegenüber das Prinzip der moralischen Samthaftung bis zu den äußersten Konsequenzen anwendet. Kein Wunder, wenn das Bewußtsein, unter dieser steten und vielfach übelwollenden Ueberwachung zu stehen, die Selbstüberwachung und damit auch die Selbstzucht stets geschärft hat, kein Wunder, wenn jedes Mitglied der Minorität sich eines ganz besonders einwandfreien Verhaltens zu befleißigen bestrebt ist, weil es weiß, daß man zwar bei der Majorität nicht nur für Menschliches und Allzumenschliches, sondern sogar für Uebermenschliches volles Verständnis hat, aber von der Minorität nichts weniger als ein sittliches Heroentum fordert, demgegenüber das Tont comprendre c’est tont pardonner nicht existiert. Selbst wenn also die Gleichberechtigung der Minoritäten von diesen erst verdient werden müßte, — sie wäre verdient, sie wäre aber insbesondere von der jüdischen Minorität in Deutschland verdient. Denn muß es auch immerhin zugegeben werden, daß gewiffe bedauerliche Erscheinungen im deutschen Volksleben auch auf die jüdische Minorität eingewirkt haben, darüber kann doch