Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 13 (1907)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1907)
- Article
- Der Nationalstaat und die Minoritäten
- Date
- 1907-12-01
- Page
- 673 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2316602-2316753-2316765-2339170--17088-2339254- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Der Nationalstaat und die Minoritäten. 673 Behandlung durch Raffentheoriefanatiker am allerwenigsten. Wer tatsächlich ist regelmäßig das Verhalten der Minoritäten in dem Nationalstaat ein solches, das auch den weitestgehenden Anforderungen entspricht. Die Moralstatistik läßt nicht darüber im Zweifel, daß die Minoritäten in den europäischen Staaten, auf die wir uns wegen der besonderen Verhältnisse in den Vereinigten Staaten von Amerika und in den asiatischen Kulturreichen beschränken müssen, bei einem Vergleich mit der Majorität ganz außerordentlich gut in Ansehung aller derjenigen Erscheinungen abschneiden, welche man unter dem Sammelbegriff des sozialen Defizits zusammenfaßt. Wenn ein Statistiker oder Soziologe, welcher selbst der Minorität angehört, dies behauptet und beweist, so wirft man ihm in den vorurteilsvollen Kreisen vor, daß er es verstehe, die moralstatistischen Ziffern mehr oder minder elegant, so wie es ihm paßt, zusammenzustellen, die Franzosen nennen das mit einem auch sehr eleganten Ausdruck grouper les chiffres; unsere nicht so elegante, dafür aber um so deutlichere Sprache nennt dies „fälschen." Es ist daher schon besser, daß man sich auf einen Vertreter der Wissenschaft beruft dem auch seine größten Feinde nicht verwerfen können, daß er rin besonderer Freund der Minoritäten und speziell der jüdischen Minorität sei. In seinem großen Werke über die Moralstatistik führt Alexander von Oettingen den unwiderleglichen Beweis, daß die Minoritäten in moralstatistischer Hinsicht günstigere Ergebnisse aufweisen, als die Majorität. Nicht nur in Ansehung der Kriminalitätshäufigkeit können wir dies konstatieren, sondern auch bezüglich der Prostitutionsstatistik, des weiteren in Ansehung der Statistik der außerehelichen Geburten, der Ehescheidungen und der Armenunterstützungen. Oettingen spricht von den in der Diaspora befindlichen Mitgliedern der gleichen Glaubensgemeinschaft, eine Formulierung, die sich an die theologische Ausdrucksweise anlehnt. Es kommt aber keineswegs, wie man aus den Ausführungen des bekanntlich auf dem Standpunkte der lutherischen Orthodoxie stehenden und leider gegenüber den Juden keineswegs vorurteilslosen Gelehrten, schließen könnte, die religiöseGlaubensgemeinschaft, sondern die sozialeGruppierung in Betracht, die ja allerdings mit der religiösen Gemeinschaft vielfach verbunden ist. Jede Statistik beweist aber die Richtigkeit dieser Behauptung, wenn auch inbezug auf die In-