Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 13 (1907)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1907)
- Article
- Der Nationalstaat und die Minoritäten
- Date
- 1907-12-01
- Page
- 671 (sequence 7)
- Language
- German
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Der Nationalstaat und die Minoritäten. 671 Verständnis. Für die jüdische Minorität handelt es sich nun darumbei jeder Gelegenheit dieser Verwechslung Zweier vollständig verschiedener Dinge entgegenzutreten und zu betonen, daß die Beantwortung der Frage, wie sich der Nationalstaat zu anderen in seinem Territorium befindlichen Nationen stellt, sie gar nicht berührt. Daß Minoritäten fremder Nationalität sich mit der Majorität des Nationalstaats möglichst verschmelzen, daß sie m ihrem Denken und Fühlen in dieselbe aufgehen, ist allerdings unter dem Gesichtspunkte der kräftigsten Entwickelung des Nationalstaates wünschenswert und notwendig; aber keineswegs notwendig ist es im Interesse des Staates, daß die sozialen Differenzierungen zwischen den Minoritäten gleicher Nationalität und der Mehrheit vollständig verschwinden. Auch innerhalb der autochthonen Bevölkerung bestehen nicht nur soziale Differenzierungen, sondern auch Stammes- und sonstige Verschiedenheiten, ohne daß hierdurch der Einheitlichkeit der Nationalität irgendwie Abbruch getan wird. Wir sind gewohnt- Frankreich als einen Nationalstaat par excellenee Zu betrachten, und in der Tat hat ja auch einerseits die Staatskunst der Bourbonen, andererseits der Revolution und Napoleons I. die vormals so bedeutenden zentrifugalen Kräfte innerhalb der Bevölkerung lahm gelegt. Und doch — welche Gegensätze heute noch zwischen dem Proventzalen und dem slawischen Nordfranzosen, der uns den germanischen Typus heute noch zeigt, welche Verschiedenheiten in den Sitten, Gebräuchen Zwischen dem schwerfälligen Bretonen und dem leichtblütigen Gascogner! Man kann darüber zweierlei Meinung sein, ob nicht die Verschiedenheiten zwischen beiden größer sind als beispielsweise bei uns die Verschiedenheiten zwischen dem altbayrischen Hosbauer und dem ostelbischen Grundbesitzer; jedenfalls sind sie erheblicher als die Verschiedenheiten zwischen den jüdischen und nichtjüdischen Bewohnern von Paris und Berlin. Und doch wird kein Vernünftiger auf den Gedanken kommen, die Bewohner der Bretagne, weil sie von den Kelten abstammen, oder die Proventzalen, weil vielleicht noch griechisches Blut in ihren Adern fließt, nicht Zu der französischen Nation zu rechnen. Selbst die mit dem gröbsten Materialismus arbeitende Rassentheorie, welcher merkwürdiger Weise in Deutschland immer noch eine Beachtung geschenkt wird, die ihr in den außerdentschen Kultur-