Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 13 (1907)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1907)
- Article
- Der Nationalstaat und die Minoritäten
- Date
- 1907-12-01
- Page
- 670 (sequence 6)
- Language
- German
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670 Im deutschen Reich. so lehrte Treitschke in seinen vielbesuchten Vorlesungen über Politik an der Berliner Hochschule, die nach seinem Tode von Cornicelius herausgegeben wurden*), »so müßten edle Juden selber zugestehen, daß für den Kosmopolitismus des Judentums heute kein Raum mehr ist; man begreift nicht, was ein internationales Judentum der Welt noch weiter nützen soll. Hier muß man offen reden, unbekümmert darum, daß die jüdische Presse Beschmutzt, was lautere historische Wahrheit ist. Es kann gar nicht mehr bestritten werden, daß das Judentum eine Rolle nur dann spielen kann, wenn seine Mitglieder sich entschließen, Deutsche, Engländer, Franzosen zu werden, und vorbehaltlich der alten Erinnerungen aufgehen in dem Volke, dem sie staatsrechtlich angehören. Das ist die vollkommen billige und gerechte Forderung, die wir Abendländer zu stellen haben, eine Doppelnaiionalität kann den Juden kein Volk gestatten.'' Diesen Ausspruch leistet sich derselbe Gelehrte, der an einer anderen Stelle sich über die nationale Borniertheit der Engländer lustig macht und demgegenüber den Deutschen es zu hohem Ruhme anrechnet, daß sie in ihrer Mehrheit geborene Weltbürger sind; bei den Deutschen, welche nicht der jüdischen Gemeinschaft angehören bildet also die weltbürgerliche Gesinnung, worunter doch nur die kosmopolitische Gesinnung verstanden werden kann, einen Vorzug, bei den deutschen Juden bildet sie eine derartige Schattenseite, daß man ihnen um deswillen die Zugehörigkeit zu der Nation abspricht, mit der sie seit vielen Jahrhunderten unlöslich verbunden sind. Es würde sich heute wahrlich nicht mehr verlohnen, über die nur rhetorischen, aber kaum noch als halbwissenschaftlich zu bezeichnenden Ausführungen Treitschkes Worte zu verlieren, wenn nicht dieselben einen starken Resonanzboden gefunden, wenn sie nicht Schule gemacht hätten unter der Generation, die seit zwei Jahrzehmen durch die Hochschule gegangen ist und heute in der Justiz, der Verwaltung, der Schule tätig ist. Für Treitschke war die völkerpsychologische Erfaffung des Begriffs Nation stets unerreichbar, er war nicht imstande, von äußeren Merkmalen zu abstrahieren, und für die Wahrheit, Laß die nationale Verschmelzung sich sehr gut mit sozialen Gruppierungen verträgt, hatte er, wenigstens den Juden gegenüber, kein ’) Politik, Vorlesungen, gehalten an der Universität zu Berlin von H. v. Treitschke, Bd. I, S. 297.