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Im deutschen Reich · 1907-12-01 · Heft 12 (Dezember 1907) · p. 667

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
13 (1907)
Issue
Heft 12 (Dezember 1907)
Article
Der Nationalstaat und die Minoritäten
Date
1907-12-01
Page
667 (sequence 3)
Language
German
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Der Nationalstaat und die Minoritäten. 887 Konstituierung eines Nationalstaates, hängen also nicht mit Notwendigkeit zusammen, wie schon von Ranke in seinen Vörlesungen über die Epochen der neueren Geschichte hervorgehoben wurde. Auch in dem machtvollsten Nationalstaat gibt es Gruppierungen, welche, sei es in Bezug auf Abstammung oder in Bezug auf Glauben, auf Gebräuche und Gewohnheiten, von der Mehrheit der Bevölkerung verschieden sind, ohne daß diese Verschiedenheit selbstverständlich die Zugehörigkeit der Minderheit zu der Nation irgendwie beeinträchtigt. Der Glaube kann mich einer sozialen Gruppe zuweisen, von der mich der Verband des 'Staates, der Gemeinde, der Abstammung trennt, die Nationalität wird dadurch nicht im mindesten berührt. Es war dieserhalb unter allen schmachvollen Verlästerungen der deutschen Juden, welche sich der Straßenantisemitismus nicht minder als "Ger Salonantisemitismus geleistet hat, die schmachvollste, wenn Man den deutschen Juden die Zugehörigkeit zu der deutschen Nation hrer Abstammung und ihres Glaubens wegen absprach. 'Das Gute hat diese von uns allen wie ein Peitschenhieb empfundene Beleidigung gehabt, daß die wissenschaftliche Forschung sich mit dem Wesen der Nationalität in vertiefter Weise befaßte und dabei zu dem Ergebnis gelangte, daß gerade die beiden Momente, Abstammung und Glaube, für die Nationalität nichts bedeuten. Die Abstammung hat uns ebensowenig jemals verhindert, uns voll und ganz als Deutsche und nur als Deutsche zu fühlen, wie die Nachkommen der fran" ziösischen Röfugiss und der reformierten Wallonen. Die schärfere Ausprägung des Nationalitätsbewußtseins macht nun erfahrungsgemäß die Regelung des Verhältnisses der Mehrheit zu der Minderheit vielfach nicht leichter, sondern schwieriger, und es ist nicht zu bestreiten, daß gerade in den letzten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts die Verkennung des Wesens der Nationalität in verschiedenen Ländern zu einer Behandlung dieser und jener Minorität führte, welche weder mit den Errungenschaften der modernen Kultur noch auch mit der ethischen'Bedeutung des Staates in Einklang stand. Die Juden bilden in allen Nationalstaaten eine Minderheit, in manchen Staaten ist dieselbe eine ganz geringe, z. B. in Frankreich, Italien! in andern wie Deutschland, Rußland eine erheblichere; allenthMdn aber befinden sie sich in der Minderheit, und daher ist es selbst-

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