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Im deutschen Reich · 1907-12-01 · Heft 12 (Dezember 1907) · p. 666

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
13 (1907)
Issue
Heft 12 (Dezember 1907)
Article
Der Nationalstaat und die Minoritäten
Date
1907-12-01
Page
666 (sequence 2)
Language
German
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666 Im deutschen Reich. schwierigen Gedankenarbeit beschäftigt haben, Gustav Rümelin, vor mehr als dreißig Jahren sagte: »Der Begriff des Volks ist nicht durch ein objektives Merkmal fest umgrenzt, sondern er erfordert aäch die subjektive Empfindung. Mein Volk sind diejenigen, die ich als mein Volk ansehe, die ich die Meinen nenne, denen ich mich verbunden weiß durch unlösbare Bande."*) Rütnelin spricht nur von dem Volk, was im Einklang mit der.. Ausdrucksweise der damaligen Zeit steht, es besteht aber kein Hindernis und kein Bedenken, seinen Ausspruch auf die Nation anzuryenden; denn wenn auch zwischen dem Begriff Volk und Nation Unterschiede bestehen, für die staatsrechtliche und staatswiffenschaftliche Erfassung ist die Nation das Volk und das Volk die Nation. Auf der Grundlage der Nation baut sich der Nationalstaat auf. Nicht jeder Staat, welcher in der Geschichte eine Rolle gespielt hat, ist ein Nationalstaat im eigentlichen Sinne. Auch abgesehen von den Universalstaaten, welche in imperialistischem Aasbreitungsdrang die nationale Grenze überschritten und zu einer Gefahr für die Selbständigkeit der kleineren Staaten wurden, hat es von jeher, sowohl in der antiken Welt wie auch in der modernen Geschichte, Staaten gegeben, welche ein Menschenkonglomerat beherrschten, dem die nationale oder volkliche Einheit fehlte. Die antiken Stadtstaaten (Athen, Sparta) waren Nationalstaaten, aber keine Nationalstaaten in dem modernen Sinne. Es bedurfte der scharfen Ausprägung des Nationalitätsbewußtseins in Verbindung mit der Nationalsouveränität, um den Begriff des Nationalstaates zu schaffen, der seit der Einigung Italiens und Deutschlands zu zwei machtvollen Reichen für die Gegenwart jedenfalls der maßgebende ist. Allerdings ist es ein Irrtum und zwar ein sehr verbreiteter Irrtum zu meinen, daß für die Ausprägung des Nationalitätsbewußtfeins die Konstituierung des Nationalstaates Voraussetzung sei. Die Geschichte beweist das Gegenteil. Deutschland hat den Napoleonischen Imperialismus besiegt und seine Einigung vollzogen, ohne vorher sich zum Nationalstaat konstituiert zu haben, und selbst das Frankreich des Jahres 1791, das gegen die fremde Invasion die Waffen ergriff, war noch nicht ein Nationalstaat im eigentlichen Sinne. Die beiden Begriffe, Ausprägung der Nationalität und *) Rümelin, Reden und Aufsätze I, S. 88—177.

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