Mannheim
Compact Memory

Im deutschen Reich · 1907-11-01 · Heft 11 (November 1907) · p. 619

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Im deutschen Reich
Volume
13 (1907)
Issue
Heft 11 (November 1907)
Article
Die Juden in der neuesten Geschichtsphilosophie
Date
1907-11-01
Page
619 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2316602-2316753-2316764-2339015--16977-2339096
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Die Juden in der neuesten Geschichtsphilosophie. 619 daher die große kulturelle Gefahr, die der Chauvinismus involviert. Die geschichtliche Beobachtung läßt Gruppen von Völkern, erkennen, die in der geistigen Anlage Ueberernstimmendes Zeigen und teilweise sicher auf gemeinsamen Ursprung Zurückführbar sino. Solche Völker faßt die Wissenschaft zu dem Oberbegriff „Rasse" zusammen. So sagt man, die Juden gehören Zur semitischen Rasse, und leitet sogar den semitischen Charakter oft aus der Betrachtung der modernen Juden ab. Das ist aus vielfachen Gründen untunlich, denn 1. darf man von dem kleinen Bruchteil, den die Juden innerhalb der semitischen Rasse bilden, nicht auf das Ganze schließen, 2. darf man die eigenartige Geschichte und das besondere Volkstum der Juden nicht übersehen, 3. darf man nicht vergessen, daß die semitische Rassenreinheit der heutigen Juden mindestens sehr fraglich ist, L leben die Juden in modernen Zuständen, die mit denen, unter welchen einst die Semiten ihr Dasein führten, nicht die mindeste Aehnlichkeit haben. Nicht ihre politische Bedeutung, sondern ihre Leistungen für Kultur und Religion geben den Juden wie den Arabern ihren welthistorischen Wert. Ethik und Erkenntnis danken ihnen unendlich viel. Lindner rügt an Chawberlain, daß er die Semiten unterschätzt zu Gunsten der Arier. Der Semite ist nicht unschöpferisch, er ist nur in seiner Weise schöpferisch. Das läßt sich auf dem Gebiete der Philosophie, Poesie und Religion leicht aufzeigen. Lindner schildert nun die Kulturverdienste des Arabertums, des für ihn typischen Semitismus. Vom Judentum spricht er nur gelegentlich. und auffallenderweise grade da gar nicht, wo er die großen Religionen der Menschheit Revue passieren läßt. Ihm ist das Judentum ganz ins Christentum aufgegangen, oder theologisch gesprochen, das Christentum ist ihm das geschichtlich entwickelte Judentum und das Judentum nur ein vorgeschichtliches Christentum. Daß diese Auffassung in unseren Augen ein christliches Vorurteil ist, braucht an diesem Orte nicht bewiesen zu werden. Bei aller Wesensgemeinschast der Tochterreligion mit ihrer Mutter zeigt sie doch auch stark abweichende Züge, die man nicht übersehen kann. Das Judentum ist reiner Monotheismus und ethischer Optimismus, während das Christentum sich aus geschichtlichen Gründen nach beiden Richtungen hin gewandelt hat; es ging immer einen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.