Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 13 (1907)
- Issue
- Heft 11 (November 1907)
- Article
- Die Juden in der neuesten Geschichtsphilosophie
- Date
- 1907-11-01
- Page
- 618 (sequence 2)
- Language
- German
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618 Im deutschen Reich. Daß so schnell eine Neuauslage eines streng, gelehrten Werkes erforderlich geworden ist, beweist, daß die geistvolle Durchdringung der geschichtlichen Erscheinungen nachdenklichen Menschen nachgerade ein Bedürfnis geworden ist. Für den Jnteressenkreis dieser Zeitschrift ist das Buch von Wert, einmal weil es von der Mode gewordenen Fassung des Nationalbegriffes wesentlich" abweicht, dann auch, weil es eine lesenswerte Charakteristik der Semiten enthält, zu denen man doch die Juden zu rechnen pflegt. Die abweichenden Auslegungen, die der Begriff Natton erfahren hat, sind nach dem Verfasser nicht aus ruhiger Prüfung der Sachlage herausgewachsen, sondern spiegeln gewisse praktische Bedürfnisse wieder. So machen die einen auch den kleinsten Staatsoerband zu einer Nation, die anderen geben Sprache und Sitte als Kriterien aus, andere berufen sch auf die Etymologie des Wortes und betonen die gemeinsame Abstammung als das Bedingende; andere wiederum legen auf die geschichtliche und geistige Zusammengehörigkeit allen Nachdruck, wieder andere betonen gemeinsame wirtschaftliche Interessen, andere verlangen gemeinsame religiöse Ideale, und schließlich meinen manche, das Gefühl sei das ausschlaggebende: eine Menschenmasse, die sich für eine Nation hält, die ist es durch diese Gemeinsamkeit der Gesinnung. Lindner zeigt nün, daß der staatliche Gedanke viel stärker als der nationale ist, und empfiehlt, die politische Wertung des Nationalbegriffes sestzuhalten und unter Nation eine staatlich geeinte Masse zu verstehen, sodaß zur deutschen Nation die Angehörigen des Deutschen Reiches gehören. Sprache, Kultur und Sitte begründen keine festen Unterschiede. In den seltensten Fällen deckt sich der politische Umfang eines Reiches mit der Sprache seiner großen Mehrheit. Lediglich mit den politischen Staaten und durch sie wurden die Nationen ausgebildet. Verwandt und doch scharf zu scheiden vom Nationalbegriff ist der Begriff Volk. Ein Volk ist ein geistiges Wesen, dessen Geist in der den Individuen gemeinsamen Vorstellungsmasse besteht. Darum spricht man mit Recht von Volksgeist und Volksseele. Wenn ein Volk, auf sich allein angewiesen, entweder keine Anregungen von außen empfängt oder sich ihnen verschließt, muß seine Kultur verarmen und vertrocknen. Die geistigen Kreuzungen, die Völker eingehen, sind mächtiger als die leiblichen,