Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 13 (1907)
- Issue
- Heft 11 (November 1907)
- Article
- Die zweite Hauptversammlung des Verbandes der deutschen Juden
- Date
- 1907-11-01
- Page
- 614 (sequence 8)
- Language
- German
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614 Im deutschen Reich. StaaLsinLeresse in der Judenpolitik der sein: gleiches Recht für alle ohne Rücksicht auf Abstammung und Religionsbekenntnis. Diese Wahrheit zu verbreiten und immermehr zur Anerkennung zu bringen, sei die Hauptaufgabe des Verbandes der Deutschen Juden. (Stürmischer Applaus). Als Korreferent sprach alsdann Herr Rechtsanwalt vr. Lo eb-Mainz und sagte: Als vor kurzem die hessische Landesuniversität ihre Jubelfeier beging, habe General von Eichhorn im Namen des Kaisers darauf hingewiesen, wie bitter nötig es im Interesse der Zukunft unseres Vaterlandes sei, soziale und religiöse Gegensätze auszugleichen. Die staatliche Judenpolitik zeigt, warum dies nicht gelingt. Der Staat selbst erweitere nicht nur bestehende Gegensätze, er schaffe dieselben vielmehr erst. In der Hochflut nationaler Begeisterung bei der Begründung des deutschen Reiches gab es keinen Gegensatz zwischen Juden und Deutschen. Die Jugend der Generation, die diese große Zeit denkend miterlebt hat, sei erfüllt von patriotischen Erinnerungen. Bamberger und Lasker hätten bewiesen, daß die Zugehörigkeit zum Judentum mindestens kein Hinderungsgrund zu fruchtbarer politischer Mitarbeit ist. Gerade die Juden hätten in ihrer tausendjährigen Leidensgeschichte gelernt, auch in politischer Betätigung tolerant zu sein und ausgleichend zu wirken, wenn religiöse oder soziale Gegensätze aufeinanderstoßen. Als die Judenhetze populär wurde, habe eine rückständige Bureaukratie mitgewirkt, die Juden aus politischer Betätigung und öffentlichem Wirken hinauszudrängen. Das Judentum selbst habe vielleicht gerade hierdurch sich innerlich gestärkt und neue Kräfte gewonnen; aber auf das öffentliche Leben habe der Antisemitismus und seine staatliche Förderung korrumpierend gewirkt. Die allgemeine Verekelung politischer Arbeit, das Emporftauen extremer Strömungen zeige, wie schwer der Staat die Summe von Intelligenz, Vaterlandsliebe und Opferwilligkeit wissen kann, die im deutschen Judentum vorhanden ist. Das Staatsinteresse fordere die Respektierung der Ideale des Glaubens und der Glaubensfreiheit. Die Judenpolitik der deutschen Staaten aber belohne den Glaubenswechsel und degradiere den Glauben zum Handelsartikel. Das Staatsinteresse fordert, daß jeder nach seinem Charakter und seinen Fähigkeiten die Möglichkeit habe, dem Vaterlands zu nützen; die deutsche Judenpolitik stößt den fähigen Charaktervollen zu Gunsten des Unfähigen und Charakterlosen