Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 13 (1907)
- Issue
- Heft 11 (November 1907)
- Article
- Die zweite Hauptversammlung des Verbandes der deutschen Juden
- Date
- 1907-11-01
- Page
- 612 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2316602-2316753-2316764-2339014--16968-2339089- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
612 Im deutschen Reich. Unsere einzige Aufgabe sei, den Glauben des einzigen Gottes zu pflegen. Das sei für die Judenheit Existenzfrage; es gebe wohl eine einheitliche Nation, aber keine einheitliche Nationalität. Redner verwirft den Zionismus, denn wir leben in unserem Staat, in unserer Heimat. Wir unterschätzen den Kulturwert anderer Religionen nicht, wir wollen mit Hingabe dem Staat dienen und uns gerne eingliedern. Deutschland ist uns besonders lieb und wert, denn Deutschland ist das Mutterland der Kultur der europäischen Judenheit überhaupt. Die zentrale Kulturkraft sür das Judentum ist das Deutschtum, denn die sittliche Strenge und die Gemütstiefe ist uns zugute gekommen. Moses Mendelssohn ist das lebendige Beispiel sür diese Behauptung. Prof. Cohen fand mit seinen tiefsinnigen Betrachtungen lebhaften Beifall, worauf Prof. Martin Philippson-Berlin über Staats inte resse und Judenpolitik sprach. Der Vorsitzende des Deutsch - Israelitischen Gemeindebundes führte aus: Das Altertum habe das Staatsinteresse auf dem Gebiete der Religionspolitik lediglich in der Bewahrung des altüberlieferten Religionskultus bei den Bürgern des eigenen Staates gesucht; den Fremden gegenüber habe es sich aber konfessionell gleichgültig verhalten, wenn sie nicht die Staatsreligion angriffen. Die christliche Kirche dagegen habe geglaubt, im Alleinbesitz der Wahrheit zu sein und deshalb jedermann gezwungen, sich ihr zu unterwerfen, soweit ihr Machtbereich sich erstreckte. Nur die Juden wurden als Zeugen für die Entstehung des Christentums in ihrem Glauben belassen, aber als hartnäckige Leugner der Wahrheit mit Demütigungen behandelt, die oft in Verfolgungen oder gar Vertreibungen ausarteten. Ihre Ausschließung von allen Zünften und Gilden habe sie genötigt, den Lebensunterhalt allein im Geldhandel und Geldverleihen zu suchen, was ihnen auch sozial Haß und Verachtung eintrug. Erst die Gleichberechtigung der verschiedenen christlichen Kirchen infolge des westfälischen Friedens (1648) und die daraus sich ergebende Befreiung des Staatsinteresses von den ausschließlich kirchlicher Rücksichten, sowie die „Aufklärung" des 18. Jahrhunderts brachten hierin soweit eine Aenderung hervor, als der offizielle und persönliche Religionshaß gegen die Juden verschwand; aber ihre tatsächliche Gleichstellung sei erst durch die französische