Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 13 (1907)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1907)
- Article
- Ein jüdischer Zeitgenosse und Freund Dantes
- Date
- 1907-10-01
- Page
- 562 (sequence 11)
- Language
- German
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562 Im deutschen Reich. bare Kälte gequält; manche sind zu ewiger Finsternis, andere zu den grausamsten körperlichen oder auch seelischen Qualen verdammt. Da begegnet dem Dichter der lange Zug der biblischen Sünder, denen sich die großen Philosophen und Aerzte, Aristoteles, Plato, Alfarabi, Hippokrates, Galenus und Avicenna, zum Teil wegen ihrer Lehrmeiuungen, zum Teil wegen der Art der Ausübung ihrer Kunst beigesellen. Dann kommen „wie Tauben in Felsklüften" die Ehebrecherinnen herangeflogen, und sodann die verschiedensten Arten von Sündern, harkherzige Geizhälse und unsinnige Verschwender, Verführer und Kuppler, Verächter der Wissenschaft wie diejenigen, welche die Wissenschaft nur um des Gewinnes und der Ehre willen betrieben, Lügner und Betrüger und ganz besonders die Heuchler, die wiederholt wiederkehren. Immanuel ist erstaunt, fromme, gelehrte, mildtätige Männer hier anzutreffen, aber er erfährt, daß die einen, welche an der Spitze der Gemeinden standen, ihr Amt mißbraucht, daß sie es geduldet haben, daß Unwürdige als Vorbeter die Gemeinde vor Gott vertraten, während sie in eigenen Sachen sich stets die besten Anwälte suchten; anderen wiederum war es nur um die Ehre zu tun; noch andere, welche die Welt für fromm hielt, übten zwar öffentlich alle Gebote der Religion, aber wenn sie unbeachtet waren,, kehrten sie sich nicht an die religiösen Vorschriften; andere wiederum galten als überaus wohltätig, weil sie reichlich spendeten — wenn es an die große Glocke kam, sonst aber wiesen sie jeden Armen unbarmherzig zurück. Mit Namen nennt der Dichter von seinen Zeitgenossen nur einen einzigen, den Betheliden Hiel, der ein ungeratener Sohn, ein Betrüger und Fälscher gewesen ist und darum in der tiefsten Tiefe der Hölle schmachtet. Ein reicher Mann aus Ancona, der in Prunk und Luxus gelebt, aber niemals Gutes getan hat, -erzählt dem Dichter sein grausiges Schicksal, daß er außer der Körperqual noch seelische Pein zu erdulden habe. Er sei einst aus der Hölle in seinen Palast entführt worden und habe dort sein Weib in eines anderen Mannes Armen sehen müssen. Die Wanderung durch die Hölle ist ziemlich regellos, eine genaue Abstufung und Einordnung der Sünder in entsprechende Strafkategorien nach Dantes Vorbild scheint zwar an einigen Stellen beabsichtigt, ist aber nirgend durchgeführt. Weit schärfer aber als der große Florentiner trifft Immanuel im Innersten ihres Wesens die Heuchler.