Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 13 (1907)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1907)
- Article
- Ein jüdischer Zeitgenosse und Freund Dantes
- Date
- 1907-10-01
- Page
- 558 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/2316602-2316753-2316763-2338878--16870-2338950- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
558 Iw deutschen Reich. sicherlich, dem ersteren wahrscheinlich zu Unrecht zugeschrieben wird, so zeugen doch diese Gedichte davon, daß den Zeitgenossen das Freundschaftsverhältnis Dantes mit Immanuel bekannt war. Von Immanuel sind noch drei weitere italienische Sonette bekannt geworden, von denen das erste die siegende Allgewalt der Liebe preist, die keine Schranken des Glaubens und Bekenntnisses achtet. Die beiden anderen spotten über die erbitterten Parteien aus religiösem und politischem Gebiete; der Dichter selbst will überall das Beste wählen und demjenigen folgen, dem der Sieg zufällt. Diese Gleichgiltigkeit und Gesinnungslosigkeit ist jedoch kaum echt, sicher nicht, was die Religion betrifft; denn bei aller Toleranz und allem Freisinn war Immanuel, wie zahlreiche Stellen in seinen Schriften beweisen, ein treuer und überzeugter Anhänger des Judentums. Aber Immanuel spielt gern mit fingierten Situationen und Ereignissen, ja auch mit fingierten Gefühlen, die er oft so lebenswahr darstellt, daß es schwer ist, zu erkennen, ob man seine Worte für Wahrheit nehmen soll. Er ist eben ein Dichter, dem die Form das Höchste ist, der auch in dieser Hinsicht der Richtung der damaligen italienischen Poesie folgt. Er selbst bekennt sich zu dem Grundsätze, daß das Beste und Wichtigste in der Poesie die dichterische Fiktion ist. Und wie er iw einzelnen oft Fingiertes schildert, so ist seine ganze große hebräische Dichtung, der er seinen Ruhm verdankt, eine einzige große Fiktion, bei der er allerdings, wie so oft, fremdem Muster folgte. Schon in jüngeren Jahren war er als Dichter hoch gefeiert. Weit über die Grenzen Italiens war sein Ruf gedrungen, in der Provence und in Spanien pries man seine Dichtungen; er selbst rang mit den Dichtern jener Länder um die Palme. In der ersten Zeit seiner Verbannung raubte ihm freilich das Unglück die Schaffenskraft; aber später, namentlich unter dem Schutze seines Gönners, bewährte er wiederum wie zuvor sein dichterisches Talent. Am Purimfeste, so erzählt der Dichter in der Einleitung zu seinem Diwan, erging man sich nach fröhlichem Mahle in allerlei Scherz und Kurzweil, und schließlich sollte ein jeder aus der Gesellschaft ein eigenes oder fremdes Gedicht zum Besten geben. Da gab es selbstgefällige Narren, die sich zu gut dünkten, fremde Gedichte vorzutragen, und da sie selbst nicht zu dichten vermochten, die Poesien anderer sich selbst beilegten. So hörte Immanuel zu seinem Verdruß eigene Dichtungen