Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 13 (1907)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1907)
- Article
- Die sozialen Voraussetzungen der antisemitischen Bewegung in Deutschland
- Date
- 1907-10-01
- Page
- 542 (sequence 6)
- Language
- German
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542 Im deutschen Reich. hauptsächlich ankommt, ist zu zeigen, daß der geschichtliche Zusammenhang und die gesellschaftliche Entwickelung die Dinge so gestaltet haben, wie sie in Wirklichkeit setzt liegen. Man hat sich vielfach in jüdischen Kreisen über den sogenannten jüdischen Antisemitismus aufgehalten, und mit Recht, wenn man unter diesem Antisemitismus verstanden hat, das Belächeln jüdischer Eigenheiten, die Verächtlichmachung aller jüdischen Einrichtungen und Gebräuche, die hohnlachende Vernachlässigung und Geringschätzung aller jüdischen Tradition; mit Unrecht, wenn man darunter verstanden hat die Förderung der Einsicht, daß auch am jüdischen Stamme Mängel ihrer Verbesserung harren. Ehrlichkeit und Offenheit ist notwendig, um die eigene Lage richtig zu erfassen, um den Kampf nach außen und, wo es nötig ist, nach innen hin mit Entschiedenheit und Erfolg zu führen. Gerade in dieser Hinsicht hat die Tätigkeit des Centralvereins so segensreich gewirkt, weil sie durch Nusklärung auch innerhalb der jüdischen Bevölkerungsschichten manche Mißverständnisse beseitigt, manche Anregung zu neuem Schaffen gegeben und manchen Trost in schlimmen Lagen gewährt hat. Diese Aufklärung führt aber dazu, die vorhandenen sozialen Gegensätze zu mildern und zu beseitigen, indem sie die Gründe zu ihrer Entstehung aufweist und Mittel und Wege an die Hand gibt, um 'den Haß vieler gesellschaftlicher Schichten, wenn auch in langsamer Zeitfolge in Sympathie und Liebe zu verwandeln. Wie in der ganzen sozialen Bewegung die Erforschung der Ursachen immermehr zu einer Versöhnung der Gegensätze geführt hat und auch in Zukunft diese Versöhnung immer mehr herbeiführen wird, so wird auch die Lage der Juden durch Aufklärung in- und außerhalb ihres Kreises die Brücke zur vollständigen Emanzipation schlagen. Licht und Liebe ist uns durch die Betrachtung und Erforschung der sozialen Zusammenhänge aufgegangen, und auch noch einem dritten Ziel dient unsere Arbeit. Manche, die noch abseits stehen und in stummer Resignation glauben, es sei an der gegebenen Lage nichts zu ändern, ein unabänderliches Geschick habe die Juden bisher geknechtet und werde sie weiter drücken, mögen ersehen, wie die geschichtliche Entwickelung uns lehrt, daß die Gegensätze durch Arbeit und Mühen ausgeglichen werden können, und daß träges Zurückstehen und banges Zagen nichts helfen.