Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 13 (1907)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1907)
- Article
- Die sozialen Voraussetzungen der antisemitischen Bewegung in Deutschland
- Date
- 1907-10-01
- Page
- 539 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2316602-2316753-2316763-2338875--16847-2338931- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Die sozial. Voraussetzungen d. anüsemit. Bewegung i. Deutschland. 539 urteilt werden. Man ist leicht geneigt, in diesen Kreisen nur Rückständigkeit und Unintelligenz zu erblicken und sich iw geheimen zu freuen, wie herrlich weit man es selbst in Bezug auf KulturwerLe gebracht habe. Wohl freuen sich unsere Stadtbewohner auf ihren Bauernbällen der schönen altbayerischen und Lyroler Volkstracht; aber unter den vielen Hunderten, die während des Winters die Maskerade mitmachen, pflegt auch nicht einer zu sein, der sich der Bedeutung und der Entwickelung des Volkskreises bewußt ist, dem er hier nachahmt. Gewiß soll nicht behauptet werden, daß lediglich die jüdischen Kreise mit dem Nichtverstehen und den absprechenden Urteilen so leicht bei der Hand sind; aber gerade wir haben alle Veranlassung, in dem Entwickelungsgange der Bevölkerung die Quellen zu deren Verständnis zu suchen. Bei uns heißt es auch in dieser Hinsicht: „Stiefkinder müssen doppelt artig, doppelt einsichtig sein"'. (Mögen in den ländlichen Kreisen viele Vorurteile, viel religiöser Fanatismus, viele veraltete Anschauungen vorhanden sein, so kann man doch seine Freude haben an den Persönlichkeitswerten, an der Bodenständigkeit, an der Beharrlichkeit, die den Landwirt mit dem Boden, mit seiner Heimat verbinden, die für ihn, für die Menschheit überhaupt, von bleibender Bedeutung sind.*) Und noch mehr als dem Bauern, ist dieses Nichtverftehen dem Adel gegenüber vorhanden. Doch die Schwierigkeit, einander gerecht zu werden, ist auf beiden Seiten groß. Nirgends allerdings findet man eine größere Verständnislosigkeit für die übrigen Volksschichten wie gerade beim Adel und deswegen findet sich auch das Volk im allgemeinen in dessen Eigentümlichkeiten so schlecht hinein. Die Adelsschicht wie die Aristokratie im ganzen ist. von jeher darauf ausgegangen, ihre Hauptwerke in der historischen Entwickelung ihres Hauses und ihrer gesamten Gesellschaftsklasse überhaupt zu erblicken; man darf nicht verkennen, daß es dem Adeligen, dem Junker nicht gleichgiltig ist, auf welchem Boden seine Wiege gestanden hat, wo er geboren wurde und wie seine Entwickelung gewesen ist. *) Man mutz bei aller Schärfe der Kritik in Bezug auf technische Fragen, wie auch wir sie geübt haben, das Gesunde am „konservativen Geist" anerkennen lernen. -