Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 13 (1907)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1907)
- Article
- Die sozialen Voraussetzungen der antisemitischen Bewegung in Deutschland
- Date
- 1907-10-01
- Page
- 538 (sequence 2)
- Language
- German
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538 Im deutschen Reich. In dieser verschiedenen Äuffassungsform liegt aber ein größerer Unterschied als man auf den ersten Augenblick meinen sollte; denn alles Konkrete, rein Individuelle tritt in den Hintergrund, es gibt nichts oder vielmehr zu wenig auf der Welt, was von seiten der jüdischen Beurteilung als solches unersetzbar wäre. Durch den Jahrhunderte langen Geld- und Geschäftsverkehr und seine Stellung zu diesem hat sich der Jude notwen ngerweise daran gewöhnt, seine Werte und seine Schätzung bei den meisten Lebensgütern in Geld auszudrücken. Er hat sich gewissermaßen daran gewöhnt, eine Monetisierung der Verkehrswerte einzuführen. Gewiß wird man sagen können, es ist bei richtiger und namentlich ganz nüchterner Betrachtung dieser Standpunkt verständlich und vielleicht auch in den meisten Fällen gerechtfertigt. Unsere Zeit ist Gemütswerten nicht recht zugetan, aber diese wurzeln doch noch tief im Volke; ihre Anerkennung, ihr Miterleben gehört notwendigerweise zu einem Verständnis der Volksseele. Nicht allein Zweckmäßigkeitsgründe i in Betracht zu ziehen, sondern die historisch gewordenen Wert-W begriffe heißt es zu verstehen. Und auch in Bezug aus das historisch Gewordene muß eine Bemerkung eingeflochten werden. An den meisten Juden speziell in Deutschland ist nämlich ein starker Mangel an sogenanntem historischen Sinn zu beklagen. Dadurch, daß der Jude Jahrhunderte lang außerhalb der übrigen Gesellschaftsschichten leben mußte, hat er das Interesse für historischen Zusammenhang und für geschichtliche Werte vielfach verloren und konnte es auch wegen seines Ausschlusses aus den Kreisen der bürgerlichen Gesellschaft nie recht gewinnen. In diese Vorstellungen sich hineinzuleben ist nicht leicht, aber notwendig; denn diese geschichtlichen Werte sind es, welche uns manches schwierige Problem erklären und uns überhaupt lehren, die Dinge nicht allein von einem intellektualistischradikalen Standpunkt anzusehen, sondern die uns zu gleicher Zeit auch zeigen, wie nach jeder Richtung hin eine, gewillt Toleranz notwendig ist. Hierauf muß etwas näher eingegangen werden. Es fiel mir immer auf, wie wenig gründlich in noch weit höherem Maße als von allen Städtern speziell von der jüdischen Stadtbevölkerung die Bauern, die Landbevölkerung überhaupt, ihre Lebensanschauung, ihre Kulturstufe u. a. be-