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Im deutschen Reich · 1907-09-01 · Heft 9 (September 1907) · p. 507

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
13 (1907)
Issue
Heft 9 (September 1907)
Article
[Ohne Titel] / A. L.
Date
1907-09-01
Page
507 (sequence 13)
Language
German
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reichischer Bürger nach antisemitischen Rezepten hinausläuft, bleibt abzuwarten. Der jetzige österreichische Ministerpräsident Beck ist zweifellos ein geschickter parlamentarischer Taktiker und hat als solcher auch den Obmann des jüdischen Abgeordnetenklubs, Dr. Straucher, zu sich kommen lassen, um zu. erklären, daß er die Gleichberechtigung der Juden anerkenne und durchführen wolle. Er sei konservativ und gut christlich und könne schon deshalb kein Judenfeind sein. Er wünsche auch fernerhin mit dem jüdischen Klub zu verkehren, um über dessen Wünsche und Beschwerden informiert zu sein. Das wird ihn aber sicher nicht veranlassen, irgendwie dem antisemitischen Wiener Bürgermeister Carl Lueger entgegenzutreten, der durch seinen „Jubiläumsantrag" sich als ein noch geschickterer Diplomat erwiesen hat. Sein Antrag auf Begründung einer „Altersversicherung" zu Ehren des Kaiserjubiläums aus Staatsmitteln ist ein echt Luegerscher Schachzug, der ihn noch volkstümlicher gemacht hat, obgleich mit dieser Sozialresorm nur etwas geleistet wird, wozu der österreichische Staat so wie so verpflichtet war. Es gibt z. B. auch eine andere Verpflichtung, die im allgemeinen Rechtsinteresse nicht minder als in dem der Juden in Oesterreich zu wünschen ist, — das ist, die traurige Affaire Hilsner doch noch schließlich einem befriedigenden Ausgang zuzuführen. Vor 8 Jahren ist wegen der angeblichen Ermordung der Mädchen Agnes Hruza und Marie Klima der Schuhmachergehilfe Leopold Hilsner in Zwei Schwurgerichtsprozessen bei den Kreisgerichten Kuttenberg und Pisek von den Geschworenen schuldig gesprochen und zum Tode verurteilt worden. Die Todesstrafe wurde in lebenslängliche Zuchthausstrafe umgewandelt, die Hilsner noch jetzt verbüßt. Der Mord bei Polna ist s. Z. sofort und ohne irgend eine^Nachforschung nach den Motiven des Verbrechens benützt worden, dasSchlagwort des Ritualmordes in die Massen zu werfen. Viele Spuren der Tat mögen seitdem. verwischt worden, manche Mitwisser vielleicht seitdem verschieden sein.' Aber auch die Leidenschaftlichkeit und Gehässigkeit, durch welche die Erforschung der Wahrheit sehr behindert wurde, dürfte seitdem bei vielen nachgelassen haben, und so erscheint es immerhin möglich, daß vielleicht ein Zufall dazu verhelfe, die Wahrheit an den Tag zu bringen. Von

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