Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 13 (1907)
- Issue
- Heft 9 (September 1907)
- Article
- Die sozialen Voraussetzungen der antisemitischen Bewegung in Deutschland
- Date
- 1907-09-01
- Page
- 494 (sequence 22)
- Language
- German
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494 ' Im deutschen Reich. werker und Kleinhandel. Beide Gruppen haben sich in früheren Zeiten durchaus nicht immer so gut wie heute vertragen, sind aber gerade durch die antisemitische Richtung in ihrer neuen Bewegung zusammengeschweißt worden. Dabei ist der hemige Begriff „Mittelstand" ein durchaus unklarer. Früher verstand man darunter das gebildete, zwischen Handwerker und Adel stehende Bürgertum, während jetzt einfach alles das darunter gerechnet werden will, was glaubt, vom Staate nur Unterstützung beanspruchen zu müssen, um trotz seiner wirtschaftlichen Schwäche leben zu können. Ich möchte diese Betrachtung nicht schließen, ohne darauf hinzuweisen, was ein gewiß nicht unbedingt judenfreundlicher Nationalökonom, Professor Biermer, in Gießen über die sogen. Mitrelstandsbewegung sagt:*) „Der Volksinstinkt verführt, die Nächstliegenden Erscheinungen für alle Mißstände verantwortlich zu machen und den neu aufstrebenden Konkurrenten als Typus für die mittelstandsftindliche Verschiebung unter den Erwerbsgruppen anzusehen. Man suchte nach einem Prügelknaben und fand ihn in der „gewissenlosen jüdischen Konkurrenz." Von diesem Gesichtspunkte aus ist ein guter Teil des neuzeitlichen Antisemitismus, bei dem sich Rasseninstinkte mit Konkurrenzmotiven verbanden, zu verstehen. Es mischen sich zwar in die Agitation Mahnrufe einzelner, die die Parole „Cherchez le juif“ erweitern wollen in ein „Cherchez le ca.pitalu; aber die große Masse der Mittelstandspoliriker verleugnet in keinem Stadium eine gewisse antisemitische Färbung. Die gewerbefreiheitliche Gesetzgebung wird, wie die Freihandelspolitik schlechthin „jüdisch-liberal" genannt. So einseitig und kurzsichtig die meisten derartigen Reformprogrammaufstellungen auch fein mögen, eine soziale Bewegung weittragender Art, die ein unparteiischer Nationalökonom nicht unbeachtet und ununtersucht lassen darf, ist der Antisemitismus, der speziell in Deutschland und Oesterreich zeitweilig so große Anhängerschaft gewonnen hat, unzweifelhaft. Niemals hätte das konsumierende Publikum und die von ihm gewählte Parteivertretung so viele Programmpunkte der MittelstandspoliLiker sich zu eigen gemacht. *) Handwörterbuch der StaaLswisfenschasten, 2. Ausl. Band V. Seite 815 slgd.