Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 13 (1907)
- Issue
- Heft 9 (September 1907)
- Article
- Die sozialen Voraussetzungen der antisemitischen Bewegung in Deutschland
- Date
- 1907-09-01
- Page
- 493 (sequence 21)
- Language
- German
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Die sozial. Voraussetzungen d. anttsemit. Bewegung i. Deutschland. 493 Gesellen schmachten ließ, und daß nirgends mit einem gesetzlichen Aushängeschild ein solcher Menschenschacher und eine solche Ausbeutung getrieben wurde wie zu damaliger Zunftzeit in Deutschland. Und wenn heute das Handwerk wieder die Zünfte in ihrer alten Form verlangt, so will es im Grunde nichts anderes als die Ausscheidung jeder lästigen Konkurrenz. Man sollte einem jeden, der sich über die wirtschaftliche Vergangenheit der Juden entrüstet, Vorhalten, in welcher geradezu erbarmungslosen Weise tausende von tüchtigen Elementen im Handwerkerstände ausgebeutet und bedrückt wurden; wie die wenigen Privilegierten damals von dem Schweiße der vielen Ausgebeuteten lebten, und wie in den Zunftmählern und Gelagen vielfach nur das Blut der Armen getrunken wurde. Aber dieses Treiben galt als ehrbar, als vornehm, als »städtische. Wie die Juden im allgemeinen ihrer Natur nach gegen jede wirtschaftliche Beschränkung sein werden, so wandten sie sich auch, weil sie ökonomisch liberal sein müssen, gegen den Zunftzwang und gegen alle Beschränkungen der persönlichen Freiheit nach dieser Richtung hin. Und das weiß man in Bauern- und Handwerkerkreisen sehr wohl, daß der schlimmste Gegner im Kampfe um alle ungerechtfertigten Privilegien der Jude ist, und deswegen fallen gegen die Juden gerichtete Agitationskünste aus so leichten Boden. Das Prinzip der Juden war und muß immer die Betätigung eines gesunden ökonomischen Liberalismus sein. Durch diesen ökonomischen Liberalismus werden wir erst tatsächlich emanzipiert, und ohne ihn werden wir niemals zu einer vollgiltigen Existenz kommen. Nun noch ein Wort über die sogenannte Mittelstandsbewegung, welche heute so viel von sich reden macht. Diese Bewegung ist nichts anderes als die Kumulierung der wirtschaftlich schwachen Schichten, welche vom Staate als berechtigte Gruppe anerkannt werden wollen. Die Forderung dieser sogenannten Mittelstandspolitik faßt Sombart in folgendem zusammen: »Die Organisation des Wirtschaftslebens müsse derart sein, daß mittlere Persönlichkeiten mit eigenem Sachvermögen auf der Grundlage eigenen technischen Könnens durch Erzeugung oder Austausch einer nach Menge und Art von jeher bestimmten Warenmenge ihr gutes Auskommen findend Die Bewegung fußt auf zwei Gruppen: kleine Hand-