Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 13 (1907)
- Issue
- Heft 9 (September 1907)
- Article
- Die sozialen Voraussetzungen der antisemitischen Bewegung in Deutschland
- Date
- 1907-09-01
- Page
- 492 (sequence 20)
- Language
- German
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492 Im deutschen Reich. Produktiv sein heißt nichts anderes, als eine Tätigkeit entwickeln, welche zur Bedürfnisbefriedigung dient, welche dazu geeignet ist, vorhandenen Bedürfnissen abZuhelfen. Produktiv ist jede Tätigkeit, durch welche ein vorhandenes Bedürfnis wirklich befriedigt wird.*) Aeltere ökonomische Schriftsteller haben darauf hingewiesen, daß nach dem bekämpften Begriffe der Produktivität der Arzt unproduktiv sei, wenn er ein Rezept verschreibe, der Apotheker dagegen produktiv, wenn er die Pillen mache. Man sieht, dasjenige, was von den Judengegnern hier behauptet und täglich auf den Markt geworfen wird, ist ein Unsinn, aber immerhin ein Unsinn, in welchem eine gefährliche Methode liegt. Man glaubt gar nicht, welches Unheil gerade diese Begriffsverwirrung in Bauern- und Handwerkerkreisen gestiftet hat, und wie damit gearbeitet wird, um gegen die Juden Stimmung zu machen. Der Händler, der Vermittler, kann genau so produktiv sein, wie der Handwerker und der Bauer; denn Händler und Vermittler sind nötig, uw den wirtschaftlichen Verteilungsprozeß vorzunehwen, um dle Güter der Allgemeinheit Zugänglich zu machen. VI. Bei der Stellungnahme der Handwerker kommt noch vielfach starke technische Zurückgebliebenheit als besonders schwerwiegend in Betracht. Wir wollen und können an dieser Stelle nicht entscheiden, ob das Handwerk heute noch eine Existenzberechtigung hat oder nicht. Das eine ist zweifellos richtig, daß der Handwerker heute schwerer zu kämpfen hat als früher. Ehedem hatte er allerdings schon deswegen einen leichten Stand, weil er durch die Zünfte jede lästige Konkurrenz abwälzen konnte, denn nur diejenigen wurden zugelaffen, welche in leer gewordene Stellen einrückten. Außerdem ließ man damals unter dem Mantel der Zunftehre manches durchgehen, was lediglich einen Koukurrenzkampf abwehren sollte. Nicht jeder hat einen Hans Sachs feinen Beschützer genannt, der ihm den Weg in die Reihen der Meister bahnte, vielmehr sind in früheren Jahrhunderten im Handwerk wohl die Beckmesser- Gestalten die tonangebenden gewesen. Man sollte nie vergessen, daß viel schlimmer als aller jüdischer Wucher im Mittelalter und in der Neuzeit die Knechtschaft war, in der man Lehrlinge und *) Brentano, Vorlesungen über allgemeine Volkswirtschaftslehre.