Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 13 (1907)
- Issue
- Heft 9 (September 1907)
- Article
- Die sozialen Voraussetzungen der antisemitischen Bewegung in Deutschland
- Date
- 1907-09-01
- Page
- 491 (sequence 19)
- Language
- German
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Die sozial. Voraussetzungen d. antisemit. Bewegung i. Deutschland. 491 altadligen Familien bezw. deren Renteien oder Rentämtern getrieben. Ob der Bauer verkaufen will oder muß, wird er schließlich selbst am besten wissen. So kann ein geordneter Güterhandel unter Umständen ein Segen für den Bauern sein; wenn dieser aber sein Geld erhalten und verbraucht hatte, war der Güterhändler das Verhängnis. Dann wurde und wird über den Güterhändler und den „Juden" geschimpft, der ein Feind „produktiver" Arbeit sei. Mit diesem Worte „produktiv' und „unproduktiv" fließt uns eine Begriffsverwirrung ein, welche, so harmlos sie der oberflächlichen Betrachtung auch erscheinen mag, doch ernste Folgen für die praktische Politik und gerade für die Juden gehabt hat. Sowohl vom Bauern als auch vom Handwerker wird vielfach behauptet, sie allein seien die produktiven Stände im Staate, die Juden aber seien, weil sie weist dem Handel und den sogenannten freien Berufen sich widmeten, unproduktiv und hätten deshalb keine Existenzberechtigung. Was versteht man unter produktiv? Ist produktiv gleichbedeutend mit „Stoffe schaffen" und „Werte schaffen?" Während man behauptet, daß der Handel, der Verkehr, den Juden vermitteln, „unproduktiv" ist, brüstet sich der Bauer und der Handwerker damit, er sei allein produktiv, er schaffe Stoffe und Werte. Dabei sagt sich der Bauer und Handwerker, der Jude, der das Vieh verkauft, der Kunden für unser Getreide und unsere Waren ermittelt, ist unproduktiv, den müssen wir bezahlen, ohne daß er etwas leistet. Bei dieser sich so oft findenden Betrachtung wird der Begriff „produktiv" vollkommen falsch aufgefaßt. Leider gibt es auch wissenschaftliche Kreise genug, welche immer noch glauben, es sei wahr, daß unproduktiv derjenige sei, der nicht „Stoffe" und nicht „Werte" schaffe. Sogar Universitüslehrer gibt es, welche ihren Hörern diese falsche Auffassung vortragen. Schon die griechischen Naturphilosophen haben vor mehr als 2400 Jahren darauf hingewiesen, daß niemand neue Stoffe schaffen könne, daß es sich nur darum handle, schon vorhandene Stoffe umzuarbeiten und in neue Gebrauchswerte umzusetzen.