Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 13 (1907)
- Issue
- Heft 9 (September 1907)
- Article
- Die sozialen Voraussetzungen der antisemitischen Bewegung in Deutschland
- Date
- 1907-09-01
- Page
- 490 (sequence 18)
- Language
- German
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490 Im deutschen Reich. dem Lande weiter nichts anderes als der Ausdruck der Ueberzeugung, daß man des Juden überdrüssig geworden ist, ohne daß man auf der anderen Seite behaupten konnte, die Dienste des Juden seien entbehrlich; man mochte nur für diese Dienste nichts wehr bezahlen. Und wenn wir die recht traurige Enquete lesen, welche der Verein für Sozialpolitik über den Wucher auf dem Lande im Jahre 1887 veröffentlicht hat. so finden wir dort von Leuten, die esanlers wissen sollten, eine Häufung grober Beschimpfungen gegen die Juden in Form von scheinbar objektiven Ergebnissen einer wissenschaftlichen Untersuchung. So mache ich darauf aufmerksam, daß der Direktor des Landwirtschaftlichen Central-Vereins in Kiel, namens Bockelmann, dort schreibt: „Der Jude findet sich im allgemeinen erst da ein, wo der soziale Körper angefangen hat zu kranken". Wenn man mit derartigen unbewiesenen und unbeweisbaren Behauptungen an eine objektive Betrachtung der Dinge gehen will, so merkt man gleich, wie die Resultate sein können, die gewonnen werden. Denn dieses Zitat ist bezeichnend für den Wert der großen Enquete des Vereins für Sozialpolitik. Womit übrigens dem Vereine als solchem ein Vorwurf nicht gewacht werden soll. Es läßt sich manchmal nicht vermeiden, daß bei sachlichen Untersuchungen speziell in Fragen der Agrar- und Gewerbepolitik derartige persönliche Momente mit hineinspielen, und es ist außerordentlich schwer, aus den zur Verfügung stehenden, immer persönlich gefärbten Quellen das materiell Wahre herauszufinden. Aber diejenigen, welche vom Verein um Auskunft angegangen wurden, und welche sicher zu den bedeutenderen Männern ihres Bezirkes gehörten, haben es fast durchweg unterlassen, zu untersuchen, ob denn der Bauer in der Lage gewesen ist, den Juden zu entbehren, und ob die Dienste, die der Jude leistete, wirklich so unproduktiv gewesen sind, wie man allgemein behauptete. Ganz ähnlich liegt es mit der Beurteilung der sogenannten Güterschlächterei: gewiß sind auch hier viele Fälle bekannt, wo jüdische Güterhändler viel Unsegen gestiftet haben. Aber auf der anderen Seite muß doch hervorgehoben werden, daß der Güterhandel in einer großen Anzahl von Fällen segensreich und volkswirtschaftlich notwendig erscheint, und daß der Bauer durch die Unmöglichkeit, fein Gut zu verkaufen, schwer getroffen wurde. Uebrigens wird z. B. in Bayern der Güterhandel in hohem Maße von