Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 13 (1907)
- Issue
- Heft 9 (September 1907)
- Article
- Die sozialen Voraussetzungen der antisemitischen Bewegung in Deutschland
- Date
- 1907-09-01
- Page
- 488 (sequence 16)
- Language
- German
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488 Im deutschen Reich. einem fortgeschrittenen Wirtschaftsleben eine große Gefahr, denn messen Seele einmal von dem Geiste unbedingter Beharrung erfüllt ist, der ist auch da konservativ, wo es nicht angebracht und unvorteilhaft ist. Psychische Eigenschaften lassen sich schwer in einzelne Gruppen trennen, sie durchziehen vielmehr das ganze Gemütsleben eines Menschen, und gerade die Gemütswerte haben, was so oft verkannt wird, im Erwerbsleben genau so wie im Familienleben ihre erhebliche Berechtigung. Der Bauernstand blieb deswegen zurück, weil er neben seinem vielleicht berechtigten konservativen Sinn, auch unberechtigten pflegte und sich von jeher viel darauf einbildete. Dazu kommt noch, daß die Landwirtschaft in gewissem Sinne antikapitalistisch organisiert ist. Der Geist des Kapitalismus, d. h. das Bestreben, mit einer werbenden Geldsumme möglichst viel zu produzieren, das Bestreben, seine Ersparnisse nicht wegen der Ersparung, sondern zum Zwecke weiterer Produktion zurückzulegen, dieser Geist des Kapitalismus ist der Landwirtschaft bisher wenigstens in großem und weitem Maße fremd geblieben. Dabei ioll gar nicht verkannt werden, daß ein rein kapitalistischer Betrieb der Landwirtschaft ihrer Natur nach überhaupt unmöglich ist. Worauf nur hingewiesen werden soll, ist ver Umstand, daß auch in jenen landwirtschaftlichen Betrieben, welche Zweifellos durch eine Durchdringung mit kapitalistischem Geiste und moderner Technik wesentlich gefördert würden, alle Neuerungen technischer Art mit Beharrlichkeit als „unnötig" Zurückgewiesen werden. Und der Staat unterstützt ja diese Rückständigkeit noch durch seine Zollpolitik; statt aufzuwecken, schläfert er ein. Bei dem landwirtschaftlichen Betriebe kommen noch alte, vielfach überlebte Gesichtspunkte, so der der besonderen Ehre der landwirtschaftlichen Arbeit, des unbedingten Wertes der Bodenständigkeit, der Pietät in einer Weise zur Geltung, wie sie sich vielleicht für einen Dorfgeschichtenschreiber schön ausmälen, die aber im praktischen Wirtschaftsleben unfruchtbar sind. Und so kam die Landwirtschaft mit dazu, gewissermaßen als Belohnung seitens der Allgemeinheir, Schutzzölle für sich zu beanspruchen, weil sie angeblich so nicht mehr existieren konnte. Der Schutzzoll aber und besonders der Agrarschutzzoll war das, was der Jude hauptsächlich bekämpfen wußte. Denn der Schutzzoll hat, von gewissen Ausnahmen natürlich abgesehen, immer