Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 13 (1907)
- Issue
- Heft 9 (September 1907)
- Article
- Die sozialen Voraussetzungen der antisemitischen Bewegung in Deutschland
- Date
- 1907-09-01
- Page
- 487 (sequence 15)
- Language
- German
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Die sozial. Voraussetzungen d. antifemit. Bewegung i. Deutschland. 487 doch von ganz anderen Faktoren abhängen als von der Hetze einiger Leute. Die Entwicklung hier war ähnlich der eines Blumenbeetes. Zu dessen Gedeihen gehört auf der einen Seite ein gutes Erdreich, in welches der Same eingepflanzt wird; auf der andern Seite der Gärtner, welcher den Boden begießt, und endlich die Sonne, welche durch ihre warmen Strahlen den Samen zum Keimen kommen läßt. Die vielfach zu Unrecht als die einzigen Erzeuger des Antisemitismus ausgeführten Männer haben nichts getan, als daß sie etwa die Rolle des gießenden Gärtners eingenommen haben. Die Regierung war die Sonne, welche mit ihren Strahlen die Beete erwärmte, und der Same, welcher im Beete verborgen war, das war der ökonomische Rückschritt, welcher in dem Judentum einen gefährlichen und furchtbaren Konkurrenten sah und der glaubte, mit der Bekämpfung des Judentums den Fortschritt überhaupt vernichten zu können. Wir wissen alle, welche Entwicklung im Königreich Sachsen der Antisemitismus genommen hat, und wir wissen auch, daß es in Sachsen fast gar keine Juden gibt. Solange stehen wir vor einem Rätsel, bis wir einsehen, daß durch den in Sachsen immer mehr steigenden industriellen Betrieb eine große Reihe von bisher selbständigen Existenzen wirtschaftlich abhängig wurde und werden mußte, und daß hier der ökonomische Fortschritt aus der einen Seite in den von ihm unabänderlich Getroffenen einen Rückschritt in der Gesinnung erzeugte, der sich in Judenfeindschaft äußerte. V. Sehen wir uns gerade in dieser Hinsicht die einzelnen Stände an, und machen wir uns klar, wie bei ihnen politische, ökonomische und rein gesellschaftliche Momente auf ihre Stellungnahme zum Judentum einwirken. In Bezug auf die großen Massen des Bauernstandes müssen wir sagen, daß sich gerade hier ein starker Teil des festgewurzelten Antisemitismus findet. Betrachten wir den Bauern, so sehen wir, daß seine guten Eigenschaften, die ihn dem Staat als ein so wertvolles Mitglied erscheinen lassen, in vielen Beziehungen sein Unglück sind. Namentlich sind die im Staatsleben so geschätzten konservativen Eigenschaften, sein Beharren in den althergebrachten Formen des politischen Lebens, sein Haß gegen jeden Umsturz, überhaupt gegen jede Umwandlung, in