Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 13 (1907)
- Issue
- Heft 9 (September 1907)
- Article
- Die sozialen Voraussetzungen der antisemitischen Bewegung in Deutschland
- Date
- 1907-09-01
- Page
- 486 (sequence 14)
- Language
- German
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486 Im deutschen Reich. Gewiß mag dieser Mann in politischer Beziehung nach mancher Richtung hin liberal denken; in ökonomisch-sozialer Beziehung ist die Richtung, die er vertritt, die ausgesprochen reaktionärste, die man sich denken kann, und zwar deswegen, weil Liese Richtung wirtschaftlich nicht lebensfähige Existenzen erhalten will und gewisse Volksschichten aus den Taschen der anderen zu ernähren empfiehlt. Ueberall aber Ln der Weltgeschichte, wo man für einzelne gegenüber anderen Privilegien schuft waren die Juden bei denen, welche die Zeche bezahlen mußten. Den Juden hat nur immer größtmögliche wirtschaftliche Freiheit genützt; wo immer auch man mit diesem Prinzipe brach, begann man auch, nicht nur negativ, sondern auch positiv Bedrückungen vorzurehmen. Darum ist schon vom reinem Erfahrungsstandpunkte aus das Interesse der Juden von jeher darauf gerichtet gewesen, wirtschaftlich gerechte Verhältnisse aufrecht zu erhalten und nicht zu dulden, daß der Lebens- und Leistungsunsähige aus Scheingründen und falschen Motiven von den lebensfähigen Elementen des Staates erhalten werden muß. So kann man ersehen, wo die Gefahr für das Judentum in Wirklichkeit liegt. Hier erkennt man auch, daß wir heute in Deutschland wenigstens nicht so viel von dem Fanatismus der Massen zu fürchten haben, wie von wirtschaftlichem Rückschritt, der immer auf Grund seiner historischen Entwicklung in uns seinen größten Gegner sehen muff.*) Zu diesen allgemeinen Gesichtspunkten kamen dann zur Geburtszeit des modernen Antisemitismus noch eine ganze Reihe in den Juden selbst liegender Punkte, welche das Auskommen der Judengegnerschaft unterstützten. Es ist durchaus falsch, wenn man im allgemeinen annimmt, es seien am Ende der 70 er Jahre einzelne Persönlichkeiten, namentlich aber Treitschke und Stöcker, gewesen, welche die heutige judenfeindliche Bewegung gewissermassen erfunden hätten. Davon kann nicht die Rede sein. Denn auch in allen denjenigen Landesteilen, in denen Einfluß und Wirksamkeit dieser Männer durchaus geringfügig war und ist, wie z. B. in Bayern oder in Oesterreich, ist die Bewegung entstanden; sie muß also *) Einzelheiten in der Beziehung gibt das sehr lesenswerte Werk: Wermcke, Kapitalismus und Mittelstandspolitik, Jena 1907.