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Im deutschen Reich · 1907-09-01 · Heft 9 (September 1907) · p. 485

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
13 (1907)
Issue
Heft 9 (September 1907)
Article
Die sozialen Voraussetzungen der antisemitischen Bewegung in Deutschland
Date
1907-09-01
Page
485 (sequence 13)
Language
German
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Die sozial. Voraussetzungen b. antisemit. Bewegung i. Deutschland. 485 zu leiden wie die übrigen Volksschichten und waren in ökonomischer Beziehung denselben Schädigungen der neuen Zeit ausgesetzt, wie die übrigen Volkskreise. Aber die Juden hatten schon viele ökonomische Veränderungen mitgemacht. In ihrer langen Geschichte waren schon so zahlreiche Perioden politischen und religiösen und ökonomischen Umschwungs enthalten gewesen, daß sie auch noch einen neuen Überstunden und überstehen konnten und sich auch ohne Murren in die neuen Verhältnisse hineinfanden. Sie sagten nicht: „Wir wollen das Alte erhalten", weil sie sahen, es könne nicht erhalten werden, sondern sie sagten: „Wir wollen mitgehen, wir wollen in dem Zeitalter der Technik und des Verkehrs die Forderungen der Technik und des Verkehrs uns zu Nutze machen; unser sei Technik und unser der Verkehr, wir leben in dieser Zeit und wir müssen mit ihr leben *; und darum jammerten und klagten sie nicht, sondern sie arbeiteten auf der neuen Grundlage und sagten sich: „Wenn uns auch jetzt der große Wettlauf schwer wird, wir machen ihn mit und wir wollen versuchen, unsere alte Stellung zu halten/ Und so hatten die Juden, weil sie sich auf die neuen Verhältnisse einrichteten, nicht erheblich zu leiden. Aber eine andere Folge trat ein; sie erzeugten bei den durch die Zeitumstände Geschädigten eine grimme Abneigung gegen sich, welche die Leidenden, die sich nicht auf ihre Unfähigkeit in wirtschaftlicher Beziehung berufen wollten, auf religiöse, politische und auf Rassengesichtspunkte hinüberspielten. Es entstand so in den oberen Schichten der mehr geistige Kampf um die wirtschaftliche Freiheit, überhaupt um die Prinzipien des ökonomischen Liberalismus; in der unteren Schicht wurde dieser Kampf mehr personifiziert ausgefochten, indem man gerade in dem Juden einen Vertreter der so gehaßten neuen Ordnung, der wirtschaftlichen Freiheit zu erblicken begann. Und darum müssen wir uns aller Orten und immer sagen: Wie uns heute der ökonomische Liberalismus allein ganz emanzipieren kann, so ist unser größter Feind die ökonomische Reaktion, mag sie sich auch noch so oft im politisch liberalen Mäntelchen zeigen. Man hat bei dem letzten Wahlkampfe erlebt, daß die nationalliberale Partei in dem Wahlkreise Kaiserslautern-Kirchheimbolanden einen der Vorsitzenden des Bundes der Landwirte. I)r. Roesicke mit aufgestellt und ihm zum Siege verholftn hat

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