Mannheim
Compact Memory

Im deutschen Reich · 1907-09-01 · Heft 9 (September 1907) · p. 484

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Im deutschen Reich
Volume
13 (1907)
Issue
Heft 9 (September 1907)
Article
Die sozialen Voraussetzungen der antisemitischen Bewegung in Deutschland
Date
1907-09-01
Page
484 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2316602-2316753-2316762-2338727--16739-2338799
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

m Im deutschen Reich. Konkurrenten überall hinkamen, wo man sie nicht gern sah, daß die Waren, die man produzierte und zu recht teuren Preisen abzusetzen gewohnt war, von auswärts billiger kamen, und der Detaillist mußte erleben, wie die Gewinnquote, die er früher, wie ein heiliges Erbstück aus Vaters Zeiten nicht niederer als 100o/o anzusetzen gewohnt war, herabgeschraubt wurde, und wie er von seinen Gewinnen vieles abschreiben mußte, so daß er genötigt war, einen neuen Kundenkreis zu suchen und auf anderen Wegen seine Einnahmen zu erhöhen. Das empfand man in weiten Kreisen schmerzhaft und bitter, und es erschienen nun alle jene, welche glaubten, es sei das Alte das Richtige gewesen. Sie riefen, man solle das Alte erhalten und gegen die revolutionären Neuerungen im wirtschaftlichen Leben auftreten. Und man gründete und erfand die konservative Richtung, indem man sich mit politischen und religiösen Forderungen den Firnis der Gottgefälligkeit aufzutragen bestrebt war. , Gewiß hat es auch schon früher Richtungen gegeben, die sich konservativ nannten und vielleicht auch konservativ waren. Sie glichen aber nicht dem Ragout von Eisenbahn- und Dampfschifffahrtsfeindschaft, überhaupt möchte man sagen, der Feindseligkeit gegen den Dampf, die den wesentlichen Inhalt dieser neuen „konservativen" Richtung ausmacht. Es ist durchaus nicht immer so, als ob nur die wirtschaftlich-konservative Richtung diejenige ist, welche der religiösen Orthodoxie zu dienen geneigt ist. Man muß in dieser Beziehung berücksichtigen, daß das ökonomisch so liberale England und auch viele Kreise des gewiß liberalen Amerika gerade in religiöser Bigotterie alles Erdenkliche leisten. Aber damals waren es diejenigen, die sich in dem Zeitalter des Verkehrs nicht wohl fühlten, welche einander zuriefen: Wir wollen das Alte erhalten, sonst gehen wir und mit uns die Gesamtheit zu Grunde. Damals umkleideten sich alle diese mit politischen und religiösen Forderungen, und sie taten dies schon deswegen, weil sie sich in ihrer bedrängten ökonomischen Lage dem Staate als Vaterlands- und Volksretter zu empfehlen gedachten. Dies waren die Feinde des Liberalismus, welcher mit offenen Augen und klarem Kopfe den immer gesteigerten technischen Fortschritt sich dienstbar machte. Die Juden hatten damals an und für sich unter dem sich notwendig vollziehenden Umschwung der Verhältnisse genau so

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.