Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 13 (1907)
- Issue
- Heft 9 (September 1907)
- Article
- Die sozialen Voraussetzungen der antisemitischen Bewegung in Deutschland
- Date
- 1907-09-01
- Page
- 483 (sequence 11)
- Language
- German
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Die sozial. Voraussetzungen d. antrsemit. Bewegung i. Deutschland. 483 Mit dem Zeitalter des Verkehrs kam in Deutschland eine neue Zeit für das Volksleben herauf. In früheren Zeiten gab es im wesentlichen nur zwei Srände, welche bereits damals im Zeichen des Verkehrs lebten: die Kaufleute und die Priester. Im übrigen war das Volk vollkommen seßhaft und seine damaligen Grundgestalten, die Bauern und die Handwerker, waren möglichst bemüht, naturalwirtschaftlich zu leben, d. h. sie bemühten sich, in ihrem eigenen Haushalte das zu erzeugen, was sie zur Fristung ihres Lebens bedurften. Während die Handwerker das Bestreben hatten, möglichst wenig zu kaufen und zu verkaufen, waren die Bauern ängstlich bemüht, ja nichts an ihrer alten Technik und ihrer alten Wirtschaftsweise zu verändern. Man lebte damals in dem Glauben, es müsse alles für ewige Zeiten so seftgelegt sein, wie es gerade war und es sei eine Notwendigkeit für die Menschheit, so zu leben, wie sie gerade lebte. Diejenigen, die über den Bauern und Handwerkern standen, hatten genau dieselbe Wirtschaftsweise wie diese. Wir können nur Größenunterschiede verzeichnen. Was der Bauer und Handwerker im lleinen war, war der gnädige Herr im großen. In diesen Kreis schoben sich als wirtschaftende Objekte die Juden ein und vermittelten nach vielen Richtungen hin Handel und Wandel, und wie schon gezeigt wurde, waren sie unentbehrlich und dann gewünscht, wenn man ihnen einen Auftrag gab, einen Handel abzuschließen, oder wenn man Geld von ihnen lieh, und sie waren dann verhaßt, wenn man das Geld zurückbezahlen sollte oder sie ihren Lohn für die Erledigung eines Auftrages verlangten. Im Großen und Ganzen war alles lokal gebunden und einem seßhaften Zuschnitt angepaßt, und nur wenige der großen Kaufleute auf der einen und die Priester auf der andern Seite kannten die Länder und die Verhältnisse außerhalb der Landesgrenzen und vermittelten dem seßhaften Volke das, was es von der Außenwelt' notwendig wissen mußte. Sobald nun die Eisenbahnen kamen, änderte sich das alles. Die Eisenbahn hat den lokalen Charakter sowohl der Wirtschaft als der Geister verdorben*); man mußte es sich nunmehr gefallen lassen, daß die *} Naumann, Das Zeitalter des Verkehrs, Süddeutsche Monatshefte 1905, Heft 9.