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Im deutschen Reich · 1907-09-01 · Heft 9 (September 1907) · p. 480

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
13 (1907)
Issue
Heft 9 (September 1907)
Article
Die sozialen Voraussetzungen der antisemitischen Bewegung in Deutschland
Date
1907-09-01
Page
480 (sequence 8)
Language
German
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480 Im deutschen Reich. Man stellte sich das damals so vor, daß man sagte: Der Staat steht seinen Bürgern gegenüber, wie der Riese dem Zwerge, und der Staat sagte zum Bürger: „Ich bin groß und du bist klein." Der Bürger widersetzte sich dem und meinte: „Jetzt werde ich dir zeigen, daß ich der stärkere bin." Als der politische Liberalismus auf der Bildstäche erschien, suchte er von dieser Allgewckkt des Staates möglichst viel an sich zu reißen und dem einzelnen zu geben; jeder eilte gleich dem kleinen Hansel dem Lebkuchenhäuschen der Knusperhexe zu und wollte dort abreißen und verzehren, soviel als nur möglich war. Dabei mußte man notwendigerweise das Verlangen erheben, alle die, welche innerhalb des Kreises derer standen oder doch stehen konnten, die von der Staatsgewalt etwas wegnehmen wollten, gleich zu stellen; man mußte sich sagen, hier gibt es die Staatsgewalt auf der einen und das Volk auf der anderen Seite, und das Volk muß nach Möglichkeit aus gleichen Volksgenossen bestehen. Je mehr sind, je lieber ist es uns. Damals lebte man noch in einer Zeit, wo der theoretische Gedanke mehr galt als heute, wo die theoretischen Forderungen des Tages die Sinne entzückten und den Lebensinhalt des Menschen ausfüllten. Man schätzte auch staatsbürgerliche Rechte ganz anders wie heute, wohl aus dem Grunde, weil heute bet der stetig sich steigenden Schwierigkeit des Existenzkampfes die größeren Nahrungssorgen das Interesse an doch ferner liegenden politischen Rechten in den Hintergrund drängen. Wenn wir alle jene Debatten lesen, welche zu damaliger Zeit über die Emanzipation der Juden geführt wurden, und alle jene Schriften studieren, welche über diese Frage geschrieben wurden, so rührt sich in uns die Bewunderung für den streng logischen Geist, der aus jenen Erörterungen spricht, für die Konsequenz, die man aus einer Idee auch dann praktisch zu ziehen wagte, wenn man mit ihrer praktischen Anwendung vielleicht gar nicht so sehr einverstanden war. Das ist heute anders. Auch streng rechtlich und im besten Sinne liberal denkende Menschen wehren sich heute lange nicht in dem Maße gegen die gegen die Juden üblich gewordene Verwaltungsprellerei, wie es den früheren Gesinnungen entsprach. Von diesen Gesichtspunkten aus muß man auch die Schriften und die Stellungnahme Gabriel Riesters ansehen.

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