Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 13 (1907)
- Issue
- Heft 9 (September 1907)
- Article
- Die sozialen Voraussetzungen der antisemitischen Bewegung in Deutschland
- Date
- 1907-09-01
- Page
- 479 (sequence 7)
- Language
- German
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Die sozial. Voraussetzungen L. antisewit. Bewegung i. Deutschland. 479 mit im Spiele sind. Weiterhin kommen zu diesen ökonomischen Erscheinungen auch noch psychologische Wirkungen hinzu. Das Maß religiösen Glaubens und Aberglaubens war naturgemäß in den verschiedenen Zeiten auch ein verschiedenes. Aber im wesentlichen ist die oben angedeutete Entwicklungslinie richtig und gipfelt in dem Satze, den schon der alte Nationalökonom Roscher ausgesprochenhat: ^Die Verfolgungen der Juden im Mittelalter haben dann begonnen, als das Heranwachsende Bürgertum reif wurde, die volkswirtschaftlichen Handelsdienste der Juden auf sich zu nehmen und ihnen daher zu mißgönnen.^ III. Nun zu den Beweggründen der sogenannten Emanzipation. Als die Juden emanzipiert wurden, geschah dies nicht aus dem Grunde, weil man sie wirtschaftlich notwendig gebrauchte und daher besonders lieb gewonnen hätte. Sondern sie haben ihre Emanzipation einer geistigen und politischen Bewegung zu verdanken, welche ganz abseits von den bisher betrachteten Bestrebungen steht. Die Juden wurden emanzipiert, weil ihre Emanzipation infolge des neu entwickelten politischen Liberalismus sich als logische Notwendigkeit erwies. Ich sage mit besonderem Nachdruck als „logisch". Wir müssen bei Betrachtung unserer heutigen Zeitverhältnisse daran festhalten, daß am Ende des 18. Jahrhunderts mit der französischen Revolution die drei großen Forderungen: Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit mehr oder minder intensiv als die gesamten Forderungen der bürgerlichen Gesellschaft ausgenommen wurden, und daß diese drei Forderungen, so unklar sie auch im einzelnen sein mögen, das Rüstzeug des politischen Liberalismus des 19. Jahrhunderts geworden sind« Dieser politische Liberalismus mußte, so unangenehm ihm in vielfacher Beziehung die bürgerliche Gleichstellung der Juden auch war, die Forderung ihrer Emanzipation auf sein Programm schreiben, weil die unerbittliche Logik der Verhältnisse ihn dazu dräu ste. Man darf ferner nicht verkennen, daß der politische Liberalismus das Verhältnis zwischen Staatsbürgern und Staatsgewalt zu verschieben trachtete und trachten wußte.