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Im deutschen Reich · 1907-09-01 · Heft 9 (September 1907) · p. 478

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
13 (1907)
Issue
Heft 9 (September 1907)
Article
Die sozialen Voraussetzungen der antisemitischen Bewegung in Deutschland
Date
1907-09-01
Page
478 (sequence 6)
Language
German
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478 Iw deutschen Reich. anzunehmen, im Mittelalter seien lediglich aus fanatischem Religionseifsr und aus rohen- Rasseninstinkten die Judenverfolgungen zu erklären. Denn überall da, wo die Juden in ihrem Tun und Lassen als ein Segen empfunden wurden, konnte man auch die Beobachtung machen, daß es ihnen in bürgerlicher Beziehung gut ging, während in allen jenen Kreisen, in welchen das aufstrebende Bürgertum die wirtschaftlichen Funktionen der Juden übernehmen zu können glaubte, wo also allmählich die Juden als Konkurrenten auftraten, die Dunkelkammern geöffnet wurden, um aus ihnen den Rassen- und Religionshaß ans Tageslicht zu ziehen. Dazu kam noch, daß die Kirche mit ihrem damaligen Standpunkt, der lediglich im Beten und in körperlicher Arbeit den Inhalt des Lebens sah, so lange die Juden schützen konnte, als das Volk sich streng nach ihren Vorschriften richtete, daß aber in dem Augenblick, wo man begann, sich von den kirchlichen Lehren zu emanzipieren und nicht mehr allein im Beten und Arbeiten, sondern in der größtmöglichen Entfaltung aller menschlichen Tätigkeit das Lebensziel erblickte, der Jude ein unangenehmer Konkurrent auf dem Markte und im ganzen Verkehr wurde. In diesem Augenblicke mögen auch die Leidenschaften in der Brust des einzelnen aufgetaucht sein, die sich später in der Form der Religionsverfolgurg in so schrecklicher Weise offenbarten. Wir müssen uns an die Vorstellung gewöhnen, daß zu damaliger Zeit und auch in gewissem Sinne heute noch die Existenz des Juden innerhalb der bürgerlichen Gemeinschaft immer genau in dem Maße geachtet und gewertet wurde, wie er als wirtschaftlicher und ökonomischer Konkurrent den übrigen Bevölkerungsschichten gegenüber austritt. In je höherem Maße dies der Fall war und ist, in desto höherem Maße ist er mißliebig und verhaßt. Die ganze Geschichte des Mittelalters zeigt uns, wie an allen denjenigen Orten, an welchen man die Juden ökonomisch brauchen konnte, ihre Stellung eine günstige gewesen ist, während überall da, wo man glaubte, ihre wirtschaftlichen Funktionen mit wehr oder weniger Erfolg selbst übernehmen zu können, die Verfolgungen einsetzten und nicht eher ruhten, bis ein Teil der jüdischen Bevölkerung vernichtet war. Natürlich gehen derartige Erscheinungen nicht in gerader Linie vorwärts. Es kommen hier stark rückläufige Bewegungen zum Vorschein, wie dies überall da ist, wo wirtschaftliche Motive

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