Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 13 (1907)
- Issue
- Heft 9 (September 1907)
- Article
- Die sozialen Voraussetzungen der antisemitischen Bewegung in Deutschland
- Date
- 1907-09-01
- Page
- 477 (sequence 5)
- Language
- German
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Die soizal. Voraussetzungen d. antisemit. Bewegung i. Deutschland. 477 alten Welt in Bezug auf Handel und Verkehr innerhalb der sich neu bildenden Gesellschaft an.*) Damals waren sie in dieser Eigenschaft höchst willkommen; sie brachten die Waren und Güter des Orients und Okzidents herein und sie lehrten iw kleinen die Technik des Verkehrs, die sie im großen anwandten, die neu aufstrebende Gesellschaft üben. Dabei darf nicht verkannt werden, daß diese Eigenschaft der Juden sie Zu damaliger Zeit fast unentbehrlich machte, daß sie überall, wo Juden waren, diese als Verkehrs- Mittler erscheinen ließ, und daß die damalige Judenschaft, wie zu jenen Zeiten allgemein anerkannt wurde, sich in ihrer Tätigkeit hochverdient uw die Allgemeinheit machte. Damals, wo auch schon religiös-fanatische Neigungen die Tiefe der Volksseele durchdrungen hatten, wo das junge Christentum mit gewaltigem Umfange seine religiösen Ideen in die entferntesten Völkerkreise zu verbreiten verstand, war von einem, nachher so schwer sich äußernden Fanatismus gegen das Judentum noch wenig zu merken, und wenn auch hier und da schon ein aufflackernder Religions- und Rassenhaß sich zeigte, so kann doch nicht davon gesprochen werden. Laß die Gesamtlage der Juden im frühen Mittelalter eine traurige gewesen wäre. Schon diese Erkenntnis zeigt uns, daß es völlig irrig ist *) Das ist neuerdings von Ignaz Schipper in dessen sehr gediegener Abhandlung „Anfänge des Kapitalismus bei den abendländischen Juden im früheren Mittelalter" bestritten worden. Jedoch mit Unrecht. Schipper mag darin recht haben, daß auch noch zu Beginn des Mittelalters der Ackerbau für die Juden eine wesentliche Vermögensguelle gewesen ist. Aber andererseits waren die Juden die einzigen Elemente, welche die alte Kultur und mit ihr auch das dort erworbene Verständnis für den Verkehr in das Mittelalter mit hinübernahmen. Zwischen Schipper und dem die gegenteilige Ansicht vertretenden Sombart bestehen doch nur Quantitütsunterschiede; denn auch Schipper muß zugeben, daß wenigstens ein Teil der Kapitalbildung der Juden im Mittelalter auf den Erwerb aus dem Handel zurückzuführen ist. Beide aber beachten nicht genügend, daß trotz des damaligen geringen Handels und Verkehrs die Juden aus dieser Quelle zweifellos viel erwarben; denn sie waren schon durch ihre internationale Verbreitung zu diesem Erwerbszweig gewissermaßen vorausbestimmL. '