Mannheim
Compact Memory

Im deutschen Reich · 1907-09-01 · Heft 9 (September 1907) · p. 476

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Im deutschen Reich
Volume
13 (1907)
Issue
Heft 9 (September 1907)
Article
Die sozialen Voraussetzungen der antisemitischen Bewegung in Deutschland
Date
1907-09-01
Page
476 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2316602-2316753-2316762-2338727--16731-2338791
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

476 Im deutschen Reich. neben dem Ackerbau, der namentlich in Palästina getrieben wurde, eine Beteiligung der Juden am Handel unstreitig nachweisbar ist. Als nun die alte Welt zu Grunde gegangen war und die Völkerwanderung einzusetzen begann, brach wirtschaftlich und kulturell eine völlig neue Zeit an. Ueberreste der alten Zeit, die mit in diese neue Zeit hinüber gerettet wurden, gab es wenig. Neuere wissenschaftliche Forschungen haben mit der alten Annahme gebrochen, es sei das Mittelalter gewissermaßen eine Fortsetzung des Altertums. Das ist nur sehr bedingt richtig: das Altertum ist eine in sich geschlossene Kultur-- und Wirtschaftsperiode gewesen, und das Zeitlich daraus folgende Mittelalter nimmt dem Altertum gegenüber nicht die Stellung einer Fortsetzung ein, sondern es stellt sich dar als eine völlig neue, von vorn beginnende und sich erst allmählich entwickelnde Zeitepoche, welche in sich wiederum das Stadium der Kindheit und des Mannesalters und schließlich auch des Greisenalters enthält. In dieser Kindheitsepoche des beginnenden Mittelalters war alles neu und alles primitiv. Die alten Kulturerrungenschaften waren größenteils vernichtet, und ein nach Form und Inhalt neues Kulturleben begann aus den Trümmern des Altertums empor zu streben. Das wirtschaftliche Leben hatte im Altertum eine beträchtliche Höhe erreicht. Das Mittelalter mußte von vorn beginnen. Diejenigen, welche den alten Verkehr, wenigstens dessen Geist, vielleicht auch dessen Technik, in das Mittelalter hinüber gerettet hatten, waren die Juden. Sie waren trotz ihres politischen Unterganges in ihrer wesentlichen Volkskraft und in ihrer Volksgesamtbeit erhalten worden, und sie kannten deshalb die Technik des Verkehrs und die Technik des Handels zu einer Zeit vielleicht schon, wo man im übrigen von diesen früher so hoch entwickelten Errungenschaften noch nichts oder nichts mehr wußte. Wer hörte noch anfangs des Mittelalters von den Phöniziern sprechen, die im Altertum mit überwiegender Macht Handel und Verkehr an sich gerissen hatten? Wo waren die Römer geblieben, die mit ihrem ausgebildeten Verkehrsrechte die einzelnen Beziehungen im Handel und Verkehr innerhalb des damaligen Kulturkreises beherrschen konnten? Die Juden waren noch da, und sie traten das Erbteil der

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.