Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 13 (1907)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1907)
- Article
- Die Juden des Kirchenstaates in den letzten Jahrzehnten seines Bestehens
- Date
- 1907-07-01
- Page
- 412 (sequence 3)
- Language
- German
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412 Im deutschen Reich. Mortara Anlaß gab. weist De Cesare auf die bekanntesten hin; eine dieser Bearbeitungen, „La Tireuse de Chartres“, die nach 1S70 häufig in einem Volkstheater Roms zur Aufführung gelangte, mußte schließlich von der Polizei verboten werden, weil sie das Volk zu Ausschreitungen gegen die katholische Klerisei hinriß. Das Leben der Juden im römischen Ghetto war 1870 noch ungefähr dasselbe wie 20 Jahre früher, da es ihnen nach wie vor verboten war. außerhalb desselben Wohnung zu nehmen. Nur durch Geldabgaben an die betreffenden Pfarreien konnten einige Wenige die Erlaubnis erlangen, sich Geschäftslokale in den benachbarten Stadtteilen zu mieten. Uebrigens hatten die meisten der Juden kein großes Interesse am Verlaffen des Ghettos, da ihnen auf Grund eines alten Privilegs die Wohnungsmiete innerhalb desselben nicht gesteigert werden durfte. Das Ghetto Roms war unter Papst Pius IX. bei weitem das charakteristischste Europas. Die Unsauberkeit desselben, heroorgerufen durch seine Bauart und das oben genannte Verbot, war aber keineswegs nur auf diesen Stadtteil beschränkt: auch andere, ausschließlich von Katholiken bewohnte Stadtgegenden, wie Monti und Trastevere, sielen durch ihren Schmutz auf, dank der mangelnden Sorge der päpstlichen Behörden für Reinlichkeit. Und der Grund, warum Rom an Unsauberkeit nur noch von dem (übrigens völlig christlichen) Neapel übertroffen wurde, war der. daß dieses nicht so reich an öffentlichen Brunnen war. wie die einstige Hauptstadt des Erdkreises. Plackereien aller Art seitens der päpstlichen Behörden dauerten bis zum Befreiungsjahr 1870 fort: christliche Dienstbarer zu hallen war verboten, der Universitätsbesuch war nur bei ganz besonderen Empfehlungen erlaubt, und auch dann nur in der medizinischen Fakultät, wobei der betreffende Israelit noch den Eid zu leisten hatte, nach Absolvierung der Studien nur 'eine Glaubensgenossen zu behandeln. Uebrigens wurde, nne allseitig anerkannt, dieser einzige den Israeliten offenstehende gelehrte Beruf in gewissenhafter und intelligenter Weise ausgeiib!. Das von dem katholischen Verfasser als Legende bezeichnete Doruneil gegen die Juden, sie wären Wucherer, verlor, wie er 'ugr in den letzten Zeiten der Papstherrschaft allmählich an Kran. Ueberhaupr findet sich in dem ganzen Buche nur eine einzige Tarsache erwähnt, wonach ein ganz kleiner Bruchteil der