Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 13 (1907)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1907)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1907-05-01
- Page
- 290 (sequence 4)
- Language
- German
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290 Iw deutschen Reich. offenbar, daß seine Ausführungen nicht nur für die „Polengefahr" Geltung haben, sondern auch für die Behandlung der jüdischen Bevölkerung Preußens, die zwar an Zahl weit gegen die polnische Bevölkerung zurüclsteht, aber in bezug auf „Bildung und Besitz" einen Standpunkt einnimmt, der ihr windestens denselben Anspruch auf Berücksichtigung verleiht, wenn ihr auch die chauvinistisch angehauchten und sich irrtümlich für rassereine „Arier" haltenden Kommilitonen des Herrn Brosig die Berechtigung dieses Anspruchs nicht zuerkennen. Man wird diese Verblendung jugendlicher Schwärmer nicht allzustreng beurteilen, wenn man in Erwägung zieht, welche Verwirrung die unvernünftigste aller politischen Bewegungen, der Raffen-Antisemitismus selbst unter vielen reifen Männern angerichtet hat. Von diesen sagt Di*. Oehlke in der „Breslauer Ztg.": „Vor lauter Judenhaß vergaßen viele, in welche Gesellschaft sie diese Leidenschaft eigentlich führte, daß sie als Sklaven dieser Leidenschaft alles das verleugneten, was Deutschland und das Deutschtum groß, frei und edel gemacht hat. Man ging so weit, sich von den Schätzen der klassischen Literatur loszusagen, weil man dort allerdings nicht die verzerrten chauvinistischen Ideale fand, die den krankhaften Vorstellungen jener Leute vorschweben. Diese Krankheit, denn eine solche war es und ist es, scheint nun aber doch erheblich in der Abnahme begriffen zu sein. Man sieht denn doch allmählich ein, daß die törichte Überschätzung und die einseitige Beurteilung der sogenannten Judenfrage das Deutschtum schließlich dahin geführt hat, daß es in die Knechtschaft des Ultramoutanismus geriet. Wirtschaftliche Fragen, die Furcht vor der Sozialdemokratie kamen hinzu, und so war man dahin gelangt, daß das nichiklerikale Bürgertum, in mehrere feindliche Heerlager zerspalten, im Vernichtungskampfe einander gegenüberstand." Die Hoffnungen, denen der Verfasser des betreffenden Artikels Ausdruck verleiht, vermögen wir leider nicht zu teilen. Das Fortbestehen der „liberal-konservativen Paarung" ist nicht nur von dem Wohlwollen der Staatsleimng oder einer abgeklärteren Gesinnung einzelner dem Mlramontanismus grundsätzlich abgeneigter Konservativen, sondern wesentlich davon abhängig, ob das Zentrum in seiner jetzigen Oppositionsstellung verharrt. Das aber ist deshalb sehr fragwürdig, weil innerhalb des Zentrums bei einzelnen einflußreichen Mitgliedern sich stets die