Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 13 (1907)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1907)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1907-05-01
- Page
- 289 (sequence 3)
- Language
- German
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Umschau. 289 Unglück für das deutsche Reich, daß es sich nicht mit dem Begriff der.Nation" deckt, wenn nur alle seine Bürger sich als deutsche Reichsangehörige fühlen, auf dem Boden der Gesetze ihre Pflicht erfüllen, und, wie dies von der halben Million deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens zweifellos geschieht, treue Bürger des deutschen Reiches sind. Dies aber wird mit verschwindenden Ausnahmen auch von den andern Reichsangehörigen erzieltwerden,wenn die Landesregierungen es einzelnen nichtgermanischen Volksteilen ruhig gestatten, Sitten und Ueberlieferungen zu pflegen, die sie nicht hindern, ihre Pflichten als Bürger des deutschen Reiches ganz Zu erfüllen. Mit Ausnahmegesetzen schafft man nur Märtyrer, füllt aber dieKluft nicht aus, die leicht Zu überbrücken ist, sobald man sich damit begnügt, eine gemischte Bevölkerung durch völlig gleiche Rechte und Pflichten im staatsbürgerlichen Sinne einheitlich zu gestalten und für alle vaterländischen Interessen zu erwärmen. Ein Breslauer „Alter Herr" des antisemitischen „Vereins deutscher Studenten" hat kürzlich seltsamerweise in den sonst den Rassenstandpunkt vertretenden „Akademischen Blättern" einen „Die Hauptgefahr der polnischen Bewegung in Deutschland" uberschriebenen Artikel veröffentlicht, in dem er die Notwendigkeit der Ueberbrückung dieser Kluft mit folgenden Worten begründete: „In der Jetztzeit sieht man es allgemein für eine dem Staate im Interesse seiner Selbsterhaltung obliegende Pflicht an, daß er die durch Verschiedenheit von Bildung und Besitz geschaffene und offen gehaltene Kluft zwischen seinen Bürgern wenigstens bis zu einem gewissen Grade zu überbrücken sucht, daß er mit einem Wort Sozialpolitik treibt. Nimmt man schon dabei an, daß das Bestehen dieser Kluft, wenn es auch nicht den Bestand des Staates gefährdet, ihn doch in seiner Stoßkraft nach außen lähmt und Ordnung und Sicherheit im Innern beeinträchtigt, so ist dies weit mehr der Fall, wenn eine Scheidewand im Volke aufgerichtet wird, auf deren beiden Seiten sämtliche Klassen der Bevölkerung vertreten sind, wenn, um ein in nationalökonomischen und soziologischen Schriften häufig gebrauchtes Bild weiter auszuführen, neben den durch Bildung und Besitz bedingten horizontalen Abstufungen der Gesellschaftspyramide diese noch durch eine von der Spitze bis zur Grundfläche reichende vertikale Scheidewand zerschnitten wird." Der „Alte Herr" Brosig meint es zweifellos ehrlich; er übersieht aber