Mannheim
Compact Memory

Im deutschen Reich · 1907-05-01 · Heft 5 (Mai 1907) · p. 301

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Im deutschen Reich
Volume
13 (1907)
Issue
Heft 5 (Mai 1907)
Article
[Ohne Titel] / A. L.
Date
1907-05-01
Page
301 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
chapter
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2316602-2316753-2316759--16385-2338329
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Umschau. 291 Neigung zu einer Verständigung mit den „Tivoli-Konservativen" bekundet, die mit ihnen in bezug auf die Judenhetze und auf das Agrariertum übereinstimmen. Aber es liegen genügende Beweise dafür zu Tage, daß zunächst noch das von dem Bund der Landwirte vertretene Agrariertum Trumpf ist, und trotz der liberal-konservativen Reichstagsmehrheit die Stelle einnimmt, die bisher das Zentrum inne hatte. Nirgends zeigt sich ein ernstes Bestreben die Scheidewände niederzulegen, die von denen wieder ausgerichtet worden sind, die den Gipfel aller Staatsweisheit in dem Satze: „Trenne und herrsche!"' erblicken, die absichtlich die Sonderinteressen der verschiedenen Bevölkerungsgruppen beständig betonen und eine Zersplitterung erzeugen, die weder die Wohlfahrt der Einzelnen, noch die Macht der Gesamtheit fördern kann, wenn sie es auch den am Ruder Befindlichen erleichtert, das Schiff in einen beliebigen Kurs zu lenken. Die Antisemiren und ihre einflußreichen agrarischen Beschützer haben sich dabei überall als die treibenden Kräfte des Rückschrittes erwiesen und diesen in ein Tempo gebracht, das den Stamsleiteru Bedenken einflößen sollte. Je ungestümer diese trüben Elemente rückwärts treiben, desto mehr verbessern sich die Aussichten auf einen Stimmungswechsel in den leitenden Kreisen und auf die Verbreitung der Erkenntnis, daß nicht die Befriedigung der materiellen Sonderinteressen, sondern die Wiederaufsrischung des idealen Gemcinsinns das ermöglicht, was zur Herstellung des inneren Friedens und zur Sicherung der staatlichen Machtstellung not tut. Daß der Antisemitismus eine Ausgeburt des Materialismus ist, hat die katholische „Kölnische Volks-Zeitung" überzeugend uachgewiesen. Cie sagt: „Merkwürdigerweise gibt es eine Pforte, durch welche die materialistische Weltansicht auch in die Salons der Reichen, der Nationalen, speziell der Urteutonen, einzieht. Was ist der Rassenhaß, speziell der Rassen-Antisemitismus, eigentlich anders als eine Leugnung der Geistigkeit der Menschenseele? Wenn ein Menschenschlag per so alle schönen und guten Eigenschaften besitzt, ein anderer mit derselben apodiktischen Gewißheit alle schlechten, dann ist kaum zu glauben, daß Gott alle Seele geschaffen, daß Christus Menschengestalt angenommen habe, um alle zu erlösen. Das harte Wort: „Tut nichts, der Jude wird verbrannt", hat bekanntlich Lessing einem mittelalterlichen Patriarchen in den Mund

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.