Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 13 (1907)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1907)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1907-05-01
- Page
- 288 (sequence 2)
- Language
- German
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288 Im deutschen Reich. breitete tendenziöse Sensationsmache als „historische Wahrheiten* auftischm ließen. Den verbündeten Urhebern dieser Spiegelfechterei war es sicher nicht unbekannt, daß zwischen den preußischen Juden und den Franzosen nicht die geringsten politischen Beziehungen vorhanden waren, und daß die Juden 1848 von den Polen Schweres zu leiden hatten, weil sie von ihnen als Pioniere des Deutschtums angesehen wurden. Darin hat sich iw Laufe von sechs Jahrzehnten wenig geändert; es sind aber dadurch, daß die Juden in den Ostmarken von deutschen und polnischen Antisemiten bedrängt werden, viele deutschgesinnte jüdische Bewohner der Provinz Posen veranlaßt worden, den Polen das Feld zu räumen, die dort trotz aller Bestrebungen der Regierung die Ostmarken zu „germanisieren*, bereits ein großes numerisches Uebergewicht erlangt haben. Die geplanten Versuche, den Polonismus durch schärfere Maßregeln gegen die Güterverkäufe einzudämmen, erregen selbst bei den Agrariern Bedenken, weil sie nicht ohne Grund auch eine Entwertung des deutschen Grundbesitzes in den Ostmarken befürchten. Aber daß die Verlegenheiten der Polenpolitik mindestens teilweise auf die unrichtige Auffassung der „Judenfrage* in den Ostmarken zurückzuführen sind, wird in den Kreisen, die nicht nur vom Banne der „Polen und Juden*-Phrase, sondern auch von dem des Rassenfanatismus befangen sind, nicht zugegeben. Daß der Reichskanzler seinem Zitatenschatz jemals den neutestamentlichen Satz „Salus ex Judaeis est“ einfügen werde, ist kaum zu erwarten, aber die Mißerfolge in den Ostmarken werden und müssen doch schließlich dazu führen, die maßgebenden Kreise davon zu überzeugen, daß die Bevölkerung des deutschen Reiches nur im staatsbürgerlichen Sinne, nicht aber in dem der Rassensanatiker ein einheitliches Volk darstellt. Ein ansehnlicher Teil der Bevölkerung des deutschen Reiches ist nachweislich nicht germanisch; fast 300 000 Reichsangehörige betrachten die französische Sprache, fast 150 000 die dänische, weit über 3 Millionen die polnische als ihre Muttersprache; ferner umfaßt der deutsche Volkskörper Hunderttausende von Czechen, Littauern und Sorben. Daß auch in der übrigen deutschen Bevölkerung das germanische Blut durch Römer, Hunnen und andere Eindringlinge unzählige Beimischungen erfahren hat, ist kaum Zweifelhaft. Es ist aber auch sicher kein