Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 13 (1907)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1907)
- Article
- Wie wehren wir dem Abfall vom Judentum?
- Date
- 1907-05-01
- Page
- 274 (sequence 10)
- Language
- German
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274 Zur deutschen Reich. stände uns schlecht an, einen Stein auf sie zu werfen, ihnen mit Mißtrauen und Mißachtung zu begegnen und uns ihnen gegenüber auf unsere Glaubenstreue etwas zugute zu Lun. Auch sollten wir in jedem Falle das Wort des Weisen gelten lassen: „Verurteile niemand, ehe du an seiner Stelle gewesen bist." Und wir würden doch auch nicht ehrlich sein, wollten wir nicht zugeben, daß es bei der Vielseitigkeit und Kompliziertheit der menschlichen Verhältnisse und der Empfindungen des menschlichen Herzens Lebenslagen geben kann, denen gegenüber nur der Fanatismus starr und kalt seinen prinzipiellen Standpunkt behaupten und mit dem Patriarchen in „Nathan dem Weisen" sprechen könnte: Tut nichts — der Jude wird verbrannt. Betrachten wir es also nicht als unsere Aufgabe, die Abtrünnigen zu verurteilen, sondern begnügen wir uns mit dem Streben, dem weiteren Abfall möglichst Einhalt zu tun?) Welches die geeigneten und zweckmäßigen Mittel dazu sind, das soll zum Schluß noch mit einigen Worten erörtert werden. In der ersten Hauptversammlung des „Verbandes der deutschen Juden" zieht sich durch alle Verhandlungen und Reden wie ein roter Faden der Gedanke, daß die Abwehr der Angriffe gegen das Judentum und der nachdrückliche Kampf um die Verwirklichung der durch Verfassung und Gesetz gewährleisteten Gleichberechtigung (insbesondere auch der Protest gegen das Verfahren der Staatsbehörden, die Erlangung von Staatsämtern gleichsam als Prämie hinzustellen für den Glaubenswechsel) mit dem erhofften Erfolge auch die Wirkung haben werden, die Zahl der zum Christentum Uebertretenden wesentlich zu verringern. Ohne Zweifel ist dieser Kampf, den der „Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" schon über ein Jahrzehnt unermüdlich geführt und den auch der „Verband der deutschen Juden" in sein Programm ausgenommen hat, unumgänglich notwendig, wie zur B sserung der allgemeinen Lage der Juden überhaupt, so auch als Mittel zur Bekämpfung des Abfalls vom Judentum. Schon die Tatsache, daß sich diese Vereinigungen *) Unsere Beurteilung des Abfalls vom Judentum entspricht, wie unfern Lesern bekannt ist, nicht der des Verfassers Wir verurteilen vielmehr d e Taufe unbedingt. Demnach ist auch unsere Stellungnahme im gesellschaftlichen Leben denen gegenüber, die uns den Rücken kehren, bei weitem weniger milde. Die Redaktion.