Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 13 (1907)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1907)
- Article
- Wie wehren wir dem Abfall vom Judentum?
- Date
- 1907-05-01
- Page
- 273 (sequence 9)
- Language
- German
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Wie wehren wir dem Abfall vom Judentum? 278 steht unter dem Juden, den sie haßt, den getauften Juden .... der ein tausendjähriges Erbe gegen das Linsengericht eines Königl. Preußischen Geheimrats und eines Christus- oder Erlöserordens verschachert hat, der als echter Renegat mit dem alten strengen Glauben und Gesetz nun jeden Glauben verhöhnt .... Ich füge hinzu, daß ich den Antisemitismus der ersten Art ebenso verabscheue, wie ich den der Zweiten Art begreife und selbst hege/ Der das schreibt, ist ein Aachkomme Felix Mendelssohn- Bartholdys, den sein Vater taufen ließ. Klingt das nicht wie ein schwerer Vorwurf, wie ein vernichtendes Urteil über die Handlungsweise seines Vorfahren? Die Bemerkung Prof. M.-B.'s, daß er denjenigen Antisemitismus begreift und selbst hegt, der sich gegen die getauften Juden wendet, führt uns auf die Frage, welche Stellung wir diesen gegenüber einzunehmen haben. Wer mit mir in der Wertschätzung des uns von unfern Vorfahren überlieferten Erbes übereinstimmt, kann nicht im Zweifel darüber sein, daß wir den Abfall so vieler Juden weniger unsert- und des Judentums wegen, als ihretwegen zu bedauern haben. Deshalb würde es auch den ethischen Grundsätzen unserer Religion wenig entsprechen, wenn wir der hier und da ausgesprochenen Meinung zustimmten, daß wir uns grollend zurückziehen sollten von denen, die durch die Taufe endgültig ihre Trennung vom Judentum vollzogen haben. Auch wäre den wahren Interessen des Judentums damit sicherlich nicht gedient. Allerdings sind bei dem Uebertritt zum Christentum fast immer materielle Erwägungen, Ehrgeiz oder Eitelkeit der augenscheinliche Beweggrund. Dabei mögen Fälle Vorkommen, in denen Frivolität und Niedrigkeit der Gesinnung so stark hervortreten, daß es manchem schwer werden mag, nicht das Tischtuch zwischen sich und dem betreffenden Convertiten zu durchschneiden. Aber in den meisten Fällen trifft doch die Schuld mehr die Erziehung als den Charakter, mehr die mangelnde Einsicht und das irre geleitete Gefühl als die Gesinnung, mehr das Verhalten des Staates und der Gesellschaft als den Mangel an Willensstärke und Standhaftigkeit der Strauchelnden. So ist mancher zum Renegaten geworden, den wir in seinem sonstigen Leben und Verhalten unsere Achtung nicht versagen können, mancher auch, der trotz des äußerlich angenommenen neuen Glaubens dem Judentum seine Unterstützung im Kampfe gegen den Antisemitismus zeitlebens bewahrt. Es