Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 13 (1907)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1907)
- Article
- Wie wehren wir dem Abfall vom Judentum?
- Date
- 1907-05-01
- Page
- 271 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/2316602-2316753-2316759-2338253--16359-2338309- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Me wehren wir dem Abfall vom Judentum? i7i vielmehr der Schluß berechtigt, daß der treueste Jude auch seinem Vaterlande am treuesten ergeben ist. Und so müßten schon aus diesem Grunde auch diejenigen treu festhalten an unserer alten Religion, die sich nicht um ihrer selbst willen daran gebunden fühlen. Sie können sie nicht aufgeben, ohne gleichzeitig ihre Traditionen zu verlieren, und wollen sie diese bewahren, so hindert sie ni^Ls, einer Religion treu zu bleiben, die kein Opfer der Ueberzeugung von uns fordert, die, wie Herr Rabbiner Br. Werner in seinem glänzenden Vorträge in der ersten Hauptversammlung des Verbandes der deutschen Juden dargetan hat, „dem modernen Bewußtsein voll und ganz entspricht und in der Reinheit ihrer Ethik von keiner anderen ubertroffen wird/ Freilich, Ehren und Würden trägt uns diese Treue nicht ein; im Gegenteil, sie legt uns manchmal schwere Opfer auf. Aber sollte von der Opftrwilligkeit und Opferfähigkeit, die unsere Ahnen erfüllte, so wenig in uns zurückgeblieben sein, daß wir nicht auf äußere Ehren und materielle Vorteile verzichten könnten, um Vater und Mutter zu ehren? Ueberdies kann unser wirkliches Glück unmöglich beeinträchtigt werden durch die Erfüllung einer natürlichen Pflicht, die mit der Unfehlbarkeit eines Naturgesetzes unser wahres Wohl und Gedeihen ebenso fördern, wie die Verletzung derselben schädigen muß. Jeder Mensch ist durch seine Geburt nicht nur physisch, sondern auch seelisch verwachsen mit seiner Familie. Nicht nur die Bande des Blutes knüpfen uns an diese, sondern auch „Herz und Gemüt wurzeln tief in der Vergangenheit. In ihnen wirken die Erfahrungen, die Freuden und Leiden unserer Ahnen unbewußt. Auch hier gilt das Gesetz der Vererbung/ So gebietet uns in gleicher Weise unser Herz, unsere Ehre, unsere Pflicht und unsere bessere Einsicht, Treue zu halten. Und wie das Bewußtsein dieser Treue, das Bewußtsein erfüllter Pflicht unsere Selbstachtung erhöht, so werden auch vornehm denkende Nichtjuden nicht umhin können, unseren Idealismus zu achten und um so wehr zu achten, je schwerer der Geist der Zeit es uns macht, ihn zu bewahren. Dieser Jderlismus hat unseren Vorfahren nicht nur Trost gewährt in ihren Leiden und ihnen ihre Lebensfreude erhalten, sondern hat auch in Verbindung mit den Schwierigkeiten, die sie zu überwinden harten, ihre sittliche Kraft gestärkt und sie gewappnet im Kampfe ums Dasein.