Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 13 (1907)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1907)
- Article
- Wie wehren wir dem Abfall vom Judentum?
- Date
- 1907-05-01
- Page
- 269 (sequence 5)
- Language
- German
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Wie wehren wir dem Abfall vom Judentum? 269 wir uns dieser Pflicht nicht bewußt, wenn wir dieser Aufgabe nicht mit Freude stets eingedenk wären! So natürlich und selbstverständlich ist diese Pflicht wie das Wort, das von allen, die am Sinai eingegraben wurden in die Tafeln des Gesetzes, der Stimme unsres Herzens am meisten entgegenkommt, das Wort: „Ehre deinen Vater und deine Mutter!"' Sie ist so natürlich, daß es kein Volk gibt, in dessen Bewußtsein sie nicht tiefe Wurzeln geschlagen hätte. Wenn der Deutsche im Auslande selbst dann, wenn er Bürger seines Adopnvvaterlandes geworden ist, sich die Liebe zur alten Heimat bewahrt, sich des Zusammenhangs mit dem Volke, dem er entstammt, in Treue bewußt bleibt und dieses Bewußtsein auch in seinen Kindern lebendig zu erhalten strebt, so sehen wir darin nichts anderes, als die Erfüllung einer ihm ins Herz geschriebenen Pflicht. Nun, so geziemt es auch uns Juden mit unsrer dreitausendjährigen ruhmreichen Vergangenheit, das zu tun, was anderen als selbstverständlich gilt und was wir tun können, ohne dadurch die Treue und Liebe zu unsrem Baterlande nur im geringsten zu beeinträchtigen. Das hat kein Geringerer als unser Kaiser in feinem Gefühl für die Regungen der Volksseele, in der richtigen Erkenntnis, daß die Treue und Liebe zurengerenGemeinschastund die Treue und Liebe zum großen Vaterlande derselben Wurzel entstammen, in die schönen und bemerkenswerten Worte gekleidet: „Es ist ein Irrtum zu glauben, daß die Stammeseigentümlichkeiten und die Ueberlieferungen ausgelöscht werden sollen. Das Königreich Preußen setzt sich aus vielen Stämmen zusammen, welche stolz sind auf ihre frühere Geschichte und ihre Eigenart Das hindert sie jedoch nicht, vor allen Dingen brave Preußen zu sein.*) Wenn für irgend wen in unserem Vaterlande, so gilt dieses Kaiserwort für uns Juden. Was könnte uns hindern, danach zu handeln? Sollen wir uns etwa durch den Vorwurf verblendeter Judenfeinde, die Treue zum Judentum uno Liebe zum Baterlande für unvereinbar erklären, irre machen lassen? In England, in Holland, in Italien, in Amerika und vielen anderen Staaten denkt niemand daran, die Juden als einen nicht zur Nation gehörigen Bestandteil zu betrachten. Am -30. November 1905 schrieb der Präsident Roosevelt gelegentlich des 250jährigen Jubiläums der ersten Ansiedlung *) Sftebe im Posener Landhause im August 1902.