Mannheim
Compact Memory

Im deutschen Reich · 1907-04-01 · Heft 4 (April 1907) · p. 224

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Im deutschen Reich
Volume
13 (1907)
Issue
Heft 4 (April 1907)
Article
Wie wehren wir dem Abfall vom Judentum?
Date
1907-04-01
Page
224 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2316602-2316753-2316758-2338107--16258-2338190
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

224 Im deutschen Reich. angestammten Religion ein Kleinod, das ihnen gerade nach Abstreifung der ihnen nebensächlich oder sogar schädlich erscheinenden Formen als ideales Besitztum wert und teuer ist. Aber es gibt andrerseits heutzutage doch viele, die in der Religion an sich kein Band sehen, das sie an das Judentum fesselt. In dem Glauben an einen Gott und in der Sittenlehre stimmt das Christentum mit der jü ischen Religion überein, und so fragen sich viele, ob es in Anbetracht dieser Uebereinstimmung nicht zweckmäßig wäre, sich der Religion der weitaus überwiegenden Mehrzahl unserer Mitbürger anzuschließen. Schon Abraham Mendelssohn (der Sohn Moses M.) führte, um die Taufe seiner Kinder Zu rechtfertigen, dieses Motiv in erster Linie an. Er habe diesen Schritt getan, so schreibt er seiner Tochter gelegentlich ihrer Konfirmation, weil die christliche Religion „die Glaubenssorm der meisten gesitteten Menschen ist und nichts enthält, was vom Guten ableitet." Auf den ersten Blick hat der Gedanke etwas Bestechendes. Träumt doch auch die jüdische Messiaslehre von einer Zeit, in der alle Menschen in der Erkenntnis und Verehrung des einen Gottes einig sein und in Frieden und Eintracht mit einander leben werden. Aber abgesehen davon, daß nichts für die Herbeiführung dieses Zustandes gewonnen wäre, wenn alle Juden zum Christentum überträten, könnten diese Bedingungen nicht ebenso gut erfüllt werden ohne völlige Gleichheit der Religionssorm? Könnten nicht Friede und Eintracht, gegenseitige Liebe, Achtung und unbedingte Duldung herrschen unter den Menschen und die Religionsformen, die Kulte, dennoch verschieden sein? Ist es nicht vielleicht sogar vorteilhafter, wenn die verschiedenen Konfessionen und Religionen friedlich und brüderlich neben einander bestehen und wirken, sich gegenseitig befruchten und darin wetteifern, die „Kraft des echten Steins an Tag zu bringen," indem jede Religion „ihrer unbestochenen, von Vorurteilen freien Liebe nacheifert."? Bei einem Festmahl anläßlich der Enthüllung eines Denkmals in Mannheim für den badischen Staatsmann Lamey, durch dessen Wirken die bürgerliche Gleichstellung der Juden Badens im Jahre 1862 gesetzlich ausgesprochen wurde, hat der Geh. Reg.-Rat Dr. Mayer als Vertreter des israelitischen .Oberkirchenrates unter lebhaftem Beifall der Anwesenden aller Konfessionen in einer Tischrede gesagt: „Man sollte sich doch endlich allseits darüber klar werden, daß jedes der in den Kulturstaaten anerkannten Bekenntnisse in den Gemütern von Tausenden fest-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.