Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 13 (1907)
- Issue
- Heft 4 (April 1907)
- Article
- Wie wehren wir dem Abfall vom Judentum?
- Date
- 1907-04-01
- Page
- 223 (sequence 4)
- Language
- German
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Wie wehren wir dem Abfall vom Judentum? 228 in wesentlichen Beziehungen versagt wurde, mußte die Zurücksetzung Naturgemäß viel schmerzlichere Empfindungen erwecken als früher, da man noch keinen gesetzlichen Anspruch hatte. Mit den frohesten Hoffnungen hatte man sich den Bahnen anvertraut, die Gesetz und Verfassung eröffneten, und plötzlich sah man sich um das neue Ideal betrogen, welches das alte Zurückgedrängt, für viele fast entwertet hatte. Man klammerte sich verzrveiflungsvoll an das neue; nur ein Mittel gab es, es festzuhalten: die Taufe, die der Staat und die Gesellschaft mit der wirklichen Gewährung derjenigen Rechte belohnte, die den Ungetansten vorenthalten wurden. So hat der Abfall vom Judentum in den letzten Jahrzehnten einen großen Umfang angenommen. Allmählich aber haben die ruhige Ueberlegung und das natürliche Gefühl doch wieder die Oberhand gewonnen, die Anschauungen haben sich mehr und mehr geklärt, und die Ideale sangen wieder an, nach dem Verhältnis ihres wahren Wertes gewürdigt zu werden. Heute sind wir doch wieder so weit, daß eine Stimme, die sich aus den Reihen unserer Glaubensgenossen erhebt, um öffentlich zum Abfall aufzufordern, einen allgemeinen Sturm der Entrüstung erregt, und daß eine Schrift, die diese Aufforderung mit mangelnder Logik und mit dem Blendwerk von Gemeinplätzen begründen will, keinen Boden findet, in dem die Saat aufgehen könnte. Wenn eine Schrift, wie Fromers „Wesen des Judentums" ein Verdienst für sich in Anspruch nehmen kann, so ist es das, daß sie zum Nachdenken anregt über die Frage: Warum dürfen wir nicht untertauchen, warum müssen wir im Judentum verharren? Nicht nur für viele gebildete Juden, sondern in weiten Kreisen der Gebildeten überhaupt erschien vor ein paar Jahrzehnten die Religion als eine abgetane Sache. „Mit Seziermesser, Mikroskop und Fernrohr hatte die Naturwissenschaft keinen Gott gefunden" und glaubte aus Stoff und Kraft alle Erscheinungen in der Welt erklären zu können. Die Zeit ist jetzt eine andere geworden. Der krasse Materialismus hat sein wissenschaftliches Renommee verloren, und auch in der Naturwissenschaft tritt wieder die Erkenntnis in den Vordergrund, daß unser Wissen Stückwerk ist, und daß es Welträtsel gibt, die die Wissenschaft nicht lösen kann. Der religiöse Jndifferentismus hat, wie überhaupt, auch unter den gebildeten Juden abgenommen, und ein großer Teil der früher Gleichgültigen erblickt wieder in unsrer