Mannheim
Compact Memory

Im deutschen Reich · 1907-04-01 · Heft 4 (April 1907) · p. 222

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Im deutschen Reich
Volume
13 (1907)
Issue
Heft 4 (April 1907)
Article
Wie wehren wir dem Abfall vom Judentum?
Date
1907-04-01
Page
222 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2316602-2316753-2316758-2338107--16256-2338188
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

222 Zrn deutschen Reich. diesem Falle um so größer, als man sich Jahrhunderte lang daran gewöhnt hatte, den Hauptwert unserer Religion in dem zu sehen, was vor der Kritik der Ausklärungszeit nicht stand hielt. Die neuen Ideale strahlten in ihrem Glanze, und das alte verblaßte. Freiheit, Kunst und Wissenschaft, was war daneben — so sagten sich viele — die Religion der Väter, was bedeutete daneben eine dreitausendjährige Geschichte und Tradition? Die aufgeklärtesten und bedeutendsten Geister der Zeit, die die Ideen der Toleranz und Humanität praktisch verwirklichten, würdigten gleichgestimmte, gebildete Juden ihres Verkehrs und ihrer Freundschaft. Was bedeuteten Erinnerungen und UeberLieferungen vor dem Reize dieses neuen Lebens? Warum sollte man sich durch die Religion noch unterscheiden von denjenigen, mit denen man durch Bildung, Kunst und Wissenschaft nun eng verbunden war? Enthielt denn die christliche Religion etwas, waswom Guten ableitete? Solche Erwägungen, die bei oberflächlicher Betrachtung als gerechtfertigt erscheinen konnten, führten viele-gebildete Juden dem Christentum zu. So erlag schon der Sohn Moses Mendelssohns, wiewohl er selbst dem Glauben der Väter treu blieb, der Versuchung, seine Kinder Laufen zu lassen. Und wie er, so handelten in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts viele angesehene Juden Berlins, während sich später die Neigung zur Taufe wieder verminderte. Da kam das Gesetz vom 3. Juli 1869, das die volle staatsbürgerliche Gleichberechtigung der Konfessionen aussprach. Zur Freiheit gesellte sich nun für die deutschen, bis dahin rechtlosen Juden das Recht, die Gleichberechtigung mit ihren christlichen Mitbürgern, als ein neues unschätzbares Gut. Aber auch jetzt zeigte sich bald wieder die Kehrseite der Medaille. Das Licht des neugewonnenen idealen Gutes war so blendend hell, daß das alte, die Religion, immer mehr und in immer weiteren Kreisen entwertet wurde. Die Liebe zum angestammten Glauben ging gerade in den durch Bildung und Besitz ausgezeichneten Schichten des Judentums immer mehr verloren. Als dann nach Stöckers Auftreten der Antisemitismus wieder auflebte und die meisten deutschen Regierungen die gesetzlich gewährleistete Gleichberechtigung durch die Handhabung des Gesetzes fast illusorisch machten, war der Boden für den Abfall gelockert. Nachdem die Gleichberechtigung gewährt war, hatte man die tatsächliche Durchführung derselben für selbstverständlich gehalten. Als aber diese

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.