Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 13 (1907)
- Issue
- Heft 4 (April 1907)
- Article
- Wie wehren wir dem Abfall vom Judentum?
- Date
- 1907-04-01
- Page
- 221 (sequence 2)
- Language
- German
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Wie wehren wir dem Abfall vom Judentums 221 abgesehen, dachten sie nicht daran, dem väterlichen Glauben untreu zu werden. Allerdings war ihre Religion in gewisser Hinsicht das einzige ideale Gut, das sie besaßen. Die Tora und der Talmud waren ihre geistige Welt, und im Studium derselben und in dem unerschütterlichen Vertrauen auf Gott und seine Verheißungen, das sich vom Vater auf den Sohn mit immer gleicher Intensität forterbte, fühlten sie sich glücklich trotz aller äußeren Anfechtungen. Die Ueberzeugung, daß der Messias sie einst ins heilige Land zurückführen werde, und daß sie im messiamschen Reiche oder im Jenseits der Glückseligkeit teilhaftig werden würden, gab ihnen Kraft, alle Leiden und Qualen zu erdulden, die Gott ihnen nur auferlegte, um sie zu prüfen und zu läutern. Und so sehen wir sie als Märtyrer zu Tausenden den Scheiterhaufen besteigen oder das Land verlassen, in dem ihre Vorfahren seit vielen Generationen festen Fuß gefaßt haben, dessen Sprache ihre Muttersprache geworden war. Verhältnismäßig wenige, deren Widerstandskraft erlahmte, ließen sich zum Scheine Laufen und übten im geheimen ihren alten Kultus weiter aus. Es kam die Zeit der Aufklärung und des Rationalismus. Humanität wurde in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts die Parole der edleren Geister, und auch ins Ghetto fiel ein Strahl der Aufklärungssonne. Die unter langem Drucke Gebeugten richteten sich empor, atmeten mit Behagen die Luft der Freiheit und fingen an teilzunehmen an den Segnungen der Kultur, an den Fortschritten von Wissenschaft und Kunst. Wie sich ihr Blick und ihr Anschauungskreis erweiterte, wurden sie inne, daß es neben der Religion auch andere ideale Güter gibt, die das Leben lebenswert machen. Ueberdies bewirkte der Rationalismus, der die Zeit beherrschte, daß auch die Juden die Sonde der Kritik an das anlegten, was ihnen bisher als heilig und unantastbar galt. Moses Mendelssohn und seine Nachfolger begründeten ein modernes Judentum, das sich dem Geiste der Zeit anpaßte und sich durch kritische Forschung zu der Toleranz eines Nathan des Weisen durchrang. Die Zeit des Märtyrertums, in der die Juden der Religion das Leben opferten, war vorüber, und die Versuchung lag nicht fern, von einem Extrem ins andere zu fallen. Es liegt in der Natur des Menschen begründet, daß neben neuen Idealen die alten zunächst leicht an Wert und Schätzung verlieren. Eine solche Gefahr war in