Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 13 (1907)
- Issue
- Heft 3 (März 1907)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1907-03-01
- Page
- 174 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- address
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/2316602-2316753-2316757--16162-2338055- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
174 Im deutschen Reich. Für die am 29. Januar d. I. im Oberlichtsaale der „Philharmonie" in Berlin abgehaltene allgemeine Versammlung mar ursprünglich in erster Reihe ein Vortrag über „Die Agitation gegen das Schächten" in Aussicht genommen. Da Herr Dr. Hirsch-Hildesheimer, der diesen Vortrag zugesagt hatte, durch Krankheit am Erscheinen verhindert war, füllte Herr Rabbiner vr.Joseph Eschelbacher in dankenswertester Weise die entstandene Lücke aus durch einen Vortrag über „Die Bedeutung der jüdischen Religion für die Kultur der Gegenwart". Indem Vorträge wurde der Nachweis geführt, daß alle Versuche, das Judentum als eine Religion des Hasses und der Rache oder der unerbittlichen Gerechtigkeit darzustellen, um allein dem Christentum im Gegensätze dazu den Nimbus der Religion der Liebe zu verleihen, der Begründung entbehrten. Wer das Alte Testament und das Neue Testament unbefangen prüfe, müsse zu der Ueberzeugung gelangen, daß zum Aufbau des letzteren, soweit es nicht Leben und Leiden des Stifters der christlichen Religion behandle, die Stützen und Balken dem Alten Testament entnommen seien und daß die in den Psalmen, den Sprüchen, den Propheten usw. enthaltenen köstlichen Schätze dazu benutzt worden seien die neue Lehre zu schmücken. Auf dem Grundstein des Judentums sei das Christentum aufgebaut, das Alte Testament sei nicht eine Vorstufe, sondern die Grundlage für die Kultur der Gegenwart. Deshalb habe, allen anderen Bestrebungen zum Trotz, die Kirche niemals auf das Alte Testament verzichtet, die Reformation dessen erneutes Studium veranlaßt, Herder es, trotz seiner ablehnenden Stellung gegen die Juden, vom Standpunkt der Aesthetik aus hoch gepriesen, Goethe sich tief in seine Schönheit versenkt. Die Tontafeln des Hamurabi konnten seinen Nimbus nicht verringern, denn die auf diesen verzeichneten Gesetze beweisen nur, daß ein gewisser Grad der Erkenntnis schon in uralter Zeit vorhanden war, aber daß doch erst durch die göttliche Offenbarung der Menschheit die höchsten sittlichen Wahrheiten zuteil geworden sind. An dieser Tatsache scheitern alle Versuche Chamberlains und seiner Nachbeter, dem Schrifttum der Juden die ihm Zukommende hohe Bedeutung ab- Zusprechen. Israel bleibt das Volk der Offenbarung; die ihm überlieferten Schätze des Geistes körnten nicht zertrümmert werden bei dem Untergang seiner staatlichen Existenz; es hat sie ins Exil mitgenommen und kein Martyrium gescheut, um diese