Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 13 (1907)
- Issue
- Heft 3 (März 1907)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1907-03-01
- Page
- 168 (sequence 15)
- Language
- German
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168 Im deutschen Reich. seiner moralischen Defekte fast ein Jahr lang unangefochten hat Minister sein lassen — bei seiner Ernennung hat man ihm sogar von allen Seiten zugejubelt und hat vor seinem Wagen die Pferde ausgespannt — daß er das Judentum zu provozieren gewagt, mußte seinen Sturz herbeiführen. Das Judentum ist heutzutage in Ungarn viel zu mächtig, viel zu einflußreich, als daß selbst ein ungarischer Minister gegen dasselbe in der Weise auftreten dürfte, wie sich dies etwa der Bürgermeister Lueger in Wien erlauben darf/ — Von der ungarischen Regierungspartei wird alles mögliche versucht, eine Ehrenrettung Polonyis herbeizuführen; seine antisemitischen Freunde wälzen deshalb eifrigst die größere Hälfte seiner Schuld seiner intimen Freundin, der wegen ihrer Anzettelungen kürzlich aus Wien ausgewiesenen Baronin Schönberger, früher Rosa Wallerstein, Zu, die in den österreichischen Hofkreisen für Polonyi intriguiert haben soll und jetzt von den ungarischen Antisemiten verdächtigt wird, bei ihm die Rolle der „Flora Gaß" gespielt zu haben. In Rußland hofft man regierungsseitig die Wahlen so zu leiten, daß der Staatskarren aus dem toten Gleis hinaus und wieder in regelrechten Gang gebracht wird. Was bis jetzt über die Dumawahlen an die Oeffentlichkeit gebracht ist, berechtigt noch zu keinem Urteil über den wahrscheinlichen Ausgang des Wahlkampfes. Die Wahlergebnisse in den Städten werden wohl das oppositionelle Element verstärken, die Gutsbesitzer aber noch konservativer als bei den ersten Dumawahlen sich gebärden, während bei der Entscheidung der Bauernschaft die lokalen Einflüsse wesentlich ins Gewicht fallen. Daß die russische Regierung den jüdischen Stimmen eine große Bedeutung beilegt, trotzdem die jüdische Bevölkerung nur 4 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmacht, ist daraus zu entnehmen, daß in verschiedenen offiziellen Telegrammen über Wahlergebnisse einzelne Juden ausdrücklich zu den „Gemäßigten" gerechnet werden. Das Ministerium Stolypin dürfte sich überzeugt ha^en, daß eine Politik der gesetzlosen Gewalt auf die Dauer selbst in Rußland nicht durchzuführen ist, und daß es in der von dem Grafen Heyden begründeten „Partei der friedlichen Erneuerung" zuverlässigere Stützen finden würde, als bei den am Zarenhofe die maßgebenden Kreise terrorisierenden und in den Provinzen neue Judenhetzen organisierenden Mit-