Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 13 (1907)
- Issue
- Heft 3 (März 1907)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1907-03-01
- Page
- 167 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- chapter
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2316602-2316753-2316757--16154-2338048- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Umschau. 167 Abgeordnetenhauses eingebrachte Interpellation zu erwarten, die in der Frage gipfelte, ob er geneigt sei, das Aktenmaterial, auf Grund dessen Leopold Hilsner verurteilt wurde, unter seiner unmittelbaren Aufsicht durchprüfen Zu lassen, und wenn er sich überzeuge, daß die Voraussetzungen für die Anwendung des § 362 St. Pr. O. vorliegen, die Generalprokuratur zu dem Anträge auf Wiederaufnahme des Prozesses zu veranlassen. Die Forderung, die nicht nur gestellt wurde, um Hilsner zu retten, sondern uw künftige ähnliche Fehler Zu verhüten, wie sie von jenen Organen der Verwaltung und Justiz begangen wurden, die das traurige Verdikt erwirkten oder ermöglichten, wird aber immer wiederkehren, so lange der Justizapparat nicht so verbessert wird, daß ähnliche Vorkommnisse bei den Schwurgerichten unmöglich werden. Eigentümlich berührt es, daß auch in Ungarn, wo die Juden zu einem einflußreichen Faktor im politischen und wirtschaftlichen Leben geworden sind, der Justizminister es ist, dessen Verhalten dazu beiträgt, den antisemitischen Funken wieder zur Flamme Zu entfachen. Der bekanntlich ziemlich judenfeindlichen „Schlesischen Zeitung"" wurde aus Budapest über diesen magyarischen Staatsmann geschrieben: „Eine von Antisemitismus durchaus nicht freie Bede des bisherigen Justizministers Polonyi, im „Saskör" am weißen Tische gehalten, war es, der eine heftige Replik Wilhelm Vaszonyis im Demokratenklub und jene schwere Anklage des ehemaligen Bürgermeisters Johann Halmos ebendaselbst folgte, welche in ihrer weiteren Entwickelung die Ursache einer Ministerkrisis und beinahe die einer Katastrophe innerhalb der Koalition geworden ist. Für den außerhalb der Parteien stehenden Beobachter gehört Polonyi mit seinem gewalttätigen, moralisch skrupellosen, seit Beginn seiner Laufbahn als Abgeordneter zum Chauvinismus neigenden Charakter keineswegs zu den sympathischen Personen des öffentlichen Lebens in Ungarn; durch sein Wirken als oberster Chef des Justizwesens war die Zahl seiner Gegner noch stark angewachsen. Zum gefährlichsten Feinde aber hat er sich das Judentum dadurch gemacht, daß er sich offen zur Fahne des Antisemitismus bekannte. Me groß oder wie klein die Schuld auch gewesen sein mag und noch ist, wegen deren man ihn heute so heftig anfeindet, nachdem man ihn trotz