Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 13 (1907)
- Issue
- Heft 3 (März 1907)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1907-03-01
- Page
- 166 (sequence 13)
- Language
- German
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166 Im deutschen Reich. wurde vorgeworfen, daß sie für den Gewerbestand gar nichts geleistet hätten. Schließlich wurden entgegen dem Vorschläge der christlich-sozialen Parteileitung zwei Gewerbetreibende als Reichsratskandidaten vorläufig für zwei Wiener Bezirke aufgestellt. Auch in vielen anderen Bezirken Wiens begegnen die offiziellen christlich-sozialen Kandidaten dem heftigen Widerstande der Gewerbetreibenden. In politischen Kreisen findet diese Bewegung große Beachtung als deutliches Zeichen des Niederganges der bisher in Wien fast unumschränkten Herrschaft der christlich-sozialen Partei. Dazu kommt, daß die bedeutende Agitationskraft Luegers nicht wehr in Betracht kommt. Bei der Begrüßung der am 12. Januar in Wien angelangten Abordnung des Bukarester Gemeinderates, des Bürgermeisters Cantacuzeno und mehrerer Gemeinderäte war bereits nicht nur der körperliche Zusammenfall Luegers, sondern auch seine tiefe Verstimmung darüber bemerkbar, daß die Wiener Bevölkerung sich nicht dazu herbeiließ, durch einen massenhaften festlichen Empfang der Rumänen die Ovationen zu vergelten, die Lueger und seinen Genossen bei dem vorjährigen Besuch in Bukarest zuteil geworden sind. Dazu kommt, daß das neue Wahlgesetz, das nach der Auflösung des österreichischen Abgeordnetenhauses in Kraft getreten ist, in der starken Adelspartei, auf die sich Lueger und seine Genossen stützen, die Befürchtung erweckt, von einer mit der demokratischen Partei paktierenden parlamentarischen Mehrheit verdrängt zu werden, die angeblich von dem im Alter von nur 41 Jahren jetzt zur Geheimratswürde gelangten Sektionschef Sieghardt organisiert werden soll. Von diesem Sohn eines jüdischen Kantors an der polnischen Grenze, der in den antisemitischen Kreisen Wiens als der künftige „österreichische Dernburg" angesehen wird, erwartet oder befürchtet man, je nach der Parteistellung, „das neue Oesterreich", über das bei den Wahlreformdebatten von der österreichischen Ministerbank mit soviel Wärme gesprochen ist. In diesem neuen Oesterreich würde aber nur ein Justizminister noch möglich sein, der sich mit einer Wiederaufnahme des Hilsner-Prozesses sofort einverstanden erklären würde. Von dem jetzigen Justizminister war keine befriedigende Antwort auf die von Ofener und Genossen in der letzten Sitzung des österreichischen